Bad Zwischenahn - „Mein Bruder und Onkel waren schon dreimal im Gefängnis.“ Auf Deutsch, eine Sprache, die er erst seit wenigen Wochen lernt, berichtet Mustafa über seine alte Heimat Syrien. Über seinen Vater und Bruder, die zurückgeblieben sind, und zu denen er nur sporadisch Telefonkontakt aufnehmen kann. Über seine Schwester und Mutter, die in der Türkei sind. Und über seine Tante, die sogar schon seit eineinhalb Jahren eingesperrt sei. Und Mustafa, der seine Heimat aus Angst vor einem ähnlichen Schicksal verlassen hat, befürchtet, dass ihm genau das bald drohen könnte. Wenn nicht sogar Schlimmeres.
Lange Flucht
Am 16. September 2012 hat Mustafa seine alte Heimat verlassen. Vor ein paar Monaten ist er in seiner neuen angekommen. So hofft der 23-Jährige zumindest. Doch diese Hoffnung wird nun getrübt. Weil Mustafa in Ungarn auf EU-Boden erstmals amtlich erfasst wurde, soll er dorthin abgeschoben werden – oder überstellt, wie es offiziell heißt. Über den Libanon und die Türkei war Mustafa nach Griechenland gekommen. Von dort ging es Richtung Norden, 16 Nächte lang. In Ungarn, kurz vor der Grenze, wurde er aufgegriffen. Hier musste er Fingerabdrücke hinterlassen. Hier saß er 18 Stunden im Gefängnis, wie er berichtet. „Ohne Wasser, ohne Brot.“ Ein Freund hat es nach Deutschland geschafft. Er kann hier das Asylverfahren durchlaufen. Weil Ungarn aber zur EU gehört und es das so genannte Dublin-Abkommen gibt, das regelt, dass das Asylverfahren dort bearbeitet wird, wo der Asylsuchende zuerst erfasst wurde, soll Mustafa dorthin zurück.
Das mag rechtlich stimmen, räumen Chris und Günter Braun sowie Heide Hahn-Reuß ein. Menschlich sei das aber unzumutbar. Gerade habe der 23-Jährige hier Fuß gefasst, lerne die Sprache, wolle hier arbeiten. Die drei Zwischenahner unterstützen Mustafa und andere syrische Flüchtlinge, helfen ihnen bei der Integration, beim Spracherwerb – und beim Rechtsstreit. Für sie ist Ungarn „kein sicheres Drittland“. Eine Abschiebung dorthin sei folglich tabu. Die von Mustafa, aber auch die anderer Flüchtlinge.
Urteile zur Nachahmung
Und das hätten sogar schon einige Verwaltungsgerichte bestätigt, betont Günter Braun – Berlin etwa oder Hamburg. Richter hätten dort geurteilt, dass die Menschenrechte in Ungarn nicht gewahrt würden, „systemische Mängel“ seien dem Land attestiert worden. Oldenburg sei leider nicht unter diesen Gerichten. Ungarn müsse mit Bulgarien gleichgesetzt werden, fordern sie. Dorthin werde nicht mehr abgeschoben. Dabei gehe es nicht um eine schlechtere Unterbringung im Vergleich zu Deutschland. Es gehe um Mustafas Zukunft, um sein Leben.
Laut Chris Braun drohe jederzeit eine Abschiebung des 23-Jährigen. Das laufende Hauptverfahren habe – anders als es während eines mittlerweile abgelehnten Eilantrags sei – keine aufschiebende Wirkung. „Man ist total ohnmächtig vor lauter Paragrafen“, so Heide Hahn-Reuß, die hofft, dass nicht eines Nachts die Polizei bei Mustafa vor der Tür steht. Sie sieht die Politik in der Pflicht, hier die Rechtsgrundlagen zu ändern, nach Gesichtspunkten des Menschenrechts. Und auch die Gesellschaft, die sich über die Flüchtlinge und ihre Schicksale informieren und sich für sie einsetzen müsse.
Derweil wollen die freiwilligen Flüchtlingshelfer weiter für Mustafa und andere Betroffene streiten, wollen neben der ganz konkreten alltäglichen Unterstützung Netzwerke knüpfen, sich mit anderen austauschen, sich informieren und „Struktur reinbringen“. Denn: Momentan wisse doch keiner so recht Bescheid, weder Behörden noch die Bürger. Und deshalb wollen sie auch informieren, damit „Menschenschicksale der Politik nicht als Spielball und Verhandlungsmasse“ dienen können, wie Heide Hahn-Reuß es ausdrückt.
Studium fortsetzen
Mustafa möchte gerne im Ammerland bleiben, möchte in Oldenburg sein Informatikstudium fortsetzen und so schnell wie möglich wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. All das sieht er in Gefahr, sollte er nach Ungarn abgeschoben werden. Und noch mehr: Er wisse von anderen Syrern, die von Ungarn aus in ihre alte Heimat zurückgeschickt worden seien, erzählt er. Was aus ihnen geworden ist, weiß er nicht, befürchtet aber das Schlimmste. Und auch Chris Braun ist sich sicher: „Das würde seinen sicheren Tod bedeuten.“
