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Terrorismusforscher Kraushaar Zur Auflösung Der Raf 1998: „RAF hat keine Nachfolger gefunden“

20.04.2018
Frage: Vor 20 Jahren hat die RAF ihre Auflösung bekanntgegeben. Mancher hat gedacht: Jetzt ist der Spuk vorbei. Ist der Spuk Ihrer Ansicht nach wirklich vorbei?

Kraushaar: Ja, ich glaube schon. Denn es gibt keine zwingende Argumentation für eine gegenteilige Annahme. Zwar ist in den vergangenen 20 Jahren immer mal wieder geunkt worden, dass sich eine vierte RAF-Generation auf den Weg machen wird. Aber das ist immer im Bereich der Spekulationen geblieben. Was sich in den vergangenen Jahren im Bereich der Linksautonomen abgespielt hat, ist – allen Spekulationen zum Trotz – unterhalb der Schwelle des Terrorismus geblieben. Ich gehe davon, dass es das gewesen ist, was am 20. April 1998 verkündet worden ist: Nämlich dass die RAF aufgehört hat zu existieren.

Frage: Das Datum hat ja noch eine andere Bedeutung.

Kraushaar: Ja, auch das Datum hatte Spekulationen ausgelöst. Der frühere BKA-Präsident Horst Herold hatte starken Bedenken geäußert, dergestalt dass eine geschichtsbewusste Gruppe wie die RAF unmöglich auf die Idee gekommen sein könnte, ihre Auflösung an Hitlers Geburtstag bekanntzugeben. Ich glaube, dass das Datum eher Zufall war. Die RAF-Mitglieder haben das untereinander abgestimmt. Es gab verschiedene Fraktionen, die sich völlig uneins waren. Auf der einen Seite gab es jemanden wie Karl-Heinz Dellwo, der sich nach 20 Jahren Haft auf freiem Fuß befand und der den Kurs verfolgte, die RAF aufzulösen. Und es gab eine Widersacherin aus der zweiten Generation der RAF in Gestalt von Brigitte Mohnhaupt. Ich gehe davon aus, dass sie überstimmt wurde und das akzeptieren musste. Es gibt jedenfalls keinerlei Anzeichen dafür, dass sie dem zugestimmt hätte.

Frage: Welcher Ideologie hingen die Mitglieder der dritten RAF-Generation an?

Kraushaar: Es hat in der Tat eine eigene Ideologie in der dritten Generation gegeben, die sich unterschied von den Ideologien der ersten und zweiten Generation. Und zwar war das die des Anti-Imperialismus. Es hatte in den ersten beiden RAF-Generationen zwar auch eine Ausrichtung auf international agierende Konzerne gegeben, aber nicht in der Ausschließlichkeit wie in der dritten: Exponenten des vermeintlich militärisch-industriellen Komplexes zu liquidieren. Und das hat die dritte Generation ja getan …

Frage: … die hat sehr im Verborgenen agiert, man weiß ja sehr wenig über die dritte Generation.

Kraushaar: Das ist zutreffend. Man kann auch sagen, dass die tendenzielle Ungreifbarkeit der Täter auf der Seite ihrer Anhänger ein regelrechtes Frohlocken ausgelöst hat. Und da gibt es in bestimmten Kreisen immer noch Beifall zu hören, dass die sich der Ergreifung entziehen konnten. Es gibt allerdings zwei Aktivistinnen der dritten Generation, die man hat verhaften und aburteilen können: Birgit Hogefeld und Eva Haule-Frimpong. Letztlich liegt aber immer noch ein dichter Nebel über der von 1985 bis 1991 verübten Mordserie, die mit Namen wie Zimmermann, Beckurts, von Braunmühl, Herrhausen oder Rohwedder verbunden ist. Mir scheint das ein ganz großes Defizit zu sein, dass die Ermittler nach zum Teil schon über 30 Jahren in dieser Hinsicht keinen Schritt weiter gekommen sind. Das ist schon ein äußerst problematisches Zeichen, dass die Justiz und der Rechtsstaat insgesamt nicht dazu in der Lage gewesen sind, das aufzuklären.

Frage: Drei ehemalige Mitglieder der RAF sind auf freiem Fuß und werden mit Raubdelikten in Verbindung gebracht. Was könnten die noch zur Aufklärung von Straftaten beitragen, wenn man sie fasst?

Kraushaar: Ich gehe nicht davon aus, dass sie aussagen werden, sofern man ihrer tatsächlich habhaft werden sollte. Es ist schon erstaunlich, dass sie sich so lange einer Verhaftung entziehen konnten. Aus dem Prozess gegen das RAF-Mitglied Verena Becker wegen der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback weiß man, wie dicht die ehemaligen RAF-Kader im Zweifelsfall halten können. Ich nehme an, dass das bei Klette, Garweg und Staub nicht anders sein wird. Man muss jedenfalls damit rechnen, dass es keine wirklichen Beiträge zur Aufklärung von Straftaten geben wird.

Frage: Also ein abgeschlossenes Kapitel der bundesdeutschen Geschichte mit einigen nebulösen Flecken?

Kraushaar: Ja, die wird es leider wohl auch weiterhin geben

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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