Sesto San Giovanni/Mailand - Generalbundesanwalt Peter Frank hat den Tod des mutmaßlichen Berliner Attentäters Anis Amri bestätigt. Kanzlerin Angela Merkel hat ein Statement für 15 Uhr angekündigt. Die Ermittlungen zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt gingen weiter, sagte Frank am Freitag in Karlsruhe. „Für uns ist es jetzt von großer Bedeutung festzustellen, ob es bei der Tatvorbereitung, bei der Tatausführung und auch bei der Flucht des Gesuchten ein Unterstützernetzwerk, ein Helfernetzwerk, ob es Mitwisser oder Gehilfen gab.“

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Für die Bundesanwaltschaft sei „vor allem auch von Interesse, ob die Waffe, die bei Anis Amri in Mailand gefunden wurde, die Tatwaffe von Berlin ist“. Nach dem 24-jährigen Tunesier war seit Donnerstag mit deutschem Haftbefehl gefahndet worden. Es bestanden kaum noch Zweifel, dass Amri für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit mindestens zwölf Toten verantwortlich ist.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte: „Dieser Fahndungserfolg beendet selbstverständlich die Ermittlungen nicht.“ Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, kündigte an, dass auch über die Weihnachtstage eine „dreistellige Zahl von Ermittlern“ an dem Fall arbeiten werde.

Amri wurde am frühen Freitagmorgen bei Mailand von der Polizei bei einer Straßenkontrolle erschossen, wie Italiens Innenminister Marco Minniti sagte. Der mutmaßliche islamistische Terrorist habe „ohne zu zögern“ seine Waffe gezogen und geschossen, nachdem er nach seinen Papieren gefragt wurde. Ein an der Schulter getroffener Polizist schwebe nicht in Lebensgefahr, sagte Minniti.

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Amri reiste nach italienischen Angaben allein mit dem Zug von Frankreich nach Italien ein. Die Fingerabdrücke Amris seien eindeutig identifiziert. Der Tunesier hatte jahrelang in Italien gelebt, zeitweise war er dort in Haft.

Über die Schießerei hatte Ministerpräsident Paolo Gentiloni die Bundeskanzlerin am Freitagmorgen in Kenntnis gesetzt. „Ich habe Angela Merkel an diesem Morgen über den Einsatz informiert“, sagte Paolo Gentiloni in Rom.

Der italienischen Polizei zufolge hatte der erschossene Terrorverdächtige Anis Amri bei der Kontrolle gegen 3.30 Uhr in Mailand keine Dokumente bei sich. Er habe mit einer 22-Kaliber-Pistole geschossen, schrieb die Polizei auf Facebook. Die Waffe sei scharf gewesen, als er sie aus einem kleinen Rucksack holte.

Die Ermittler in Italien versuchen nun mehr über die Waffe herauszufinden, die Anis Amri bei sich trug. Man wolle herausfinden, ob es sich um dieselbe Waffe handle, die bei der Entführung des polnischen Lkws am Montag in Berlin verwendet wurde, berichtete die Tageszeitung „La Repubblica“ am Freitag.

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Der Berliner Attentäter kam nach Polizeiangaben mit dem Zug nach Italien. Er sei aus Chambéry in Frankreich nach Turin gekommen, berichtete der Mailänder Anti-Terror-Chef Alberto Nobili am Freitag. Von Turin in der italienischen Region Piemont sei er wiederum mit dem Zug nach Mailand gefahren, wo er gegen 1 Uhr in der Nacht zum Freitag angekommen sei. Gegen 4 Uhr am Morgen sei er den beiden Polizisten begegnet, die ihn bei einem Schusswechsel töteten.

„Die Abklärungen laufen, wir sind in Kontakt mit den italienischen Sicherheitsbehörden“, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. Nach dem Tunesier war seit Donnerstag mit deutschem Haftbefehl gefahndet worden. Es bestanden kaum noch Zweifel, dass Amri für den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verantwortlich ist. Seine Fingerabdrücke wurden mehrfach an dem Lkw sichergestellt, der am Montagabend in die Budengasse nahe der Gedächtniskirche gerast war. Zwölf Menschen waren dabei ums Leben gekommen.

Auf Amris Spur waren die deutschen Ermittler gekommen, als sie im Lastwagen seine Duldungspapiere fanden. Das geschah aber erst am Dienstag, weil die Fahrerkabine zunächst versiegelt worden war. Amri, der 2015 über Freiburg nach Deutschland einreiste, war Medienberichten zufolge in Italien und Tunesien bereits zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

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Deutschland macht sich auf höchster Ebene für leichtere Abschiebungen von Tunesiern in ihr Heimatland stark, wie eine Regierungssprecherin am Freitag mitteilte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wolle das Thema Rückführungen am Nachmittag bei einem Telefonat mit dem tunesischen Präsidenten Beji Caid Essebsi anschneiden.

Die deutschen Behörden überprüften nach dem Anschlag von Berlin Sicherheitsmaßnahmen auf allen Ebenen und verstärkten sie vielfach, bekräftigte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. „Gehen Sie ganz generell davon aus, dass alle Behörden in Bund und Ländern nach solchen Anschlägen alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen noch einmal durchgehen, sozusagen jeden Stein umdrehen.“ Welche Schritte nach dem Anschlag im Detail ergriffen worden seien, wolle er nicht sagen - damit Menschen, die etwas planten, davon nichts erführen.

Die Bedrohungslage durch Terror bleibt dem italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni zufolge auch nach dem Tod des mutmaßlichen Attentäters von Berlin hoch. „Die Bedrohung wird nicht unterschätzt“, sagte er am Freitag in Rom. Italien sei stolz auf seine Sicherheitskräfte. Ein besonderer Dank gehe an den jungen Polizisten auf Probe, der bei dem Einsatz verletzt wurde.

Einige der Schwerverletzten des Berliner Terroranschlags kämpften auch am Freitag weiter um ihr Leben. Es seien 53 Menschen verletzt worden, 14 von ihnen sehr schwer, sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) bei einer Sitzung des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus. Bislang seien sechs Todesopfer identifiziert. Die Identifizierung der übrigen Toten dauere an.

Wegen der möglichen Vorbereitung eines Anschlags auf das riesige Einkaufszentrum Centro Oberhausen nahm die Polizei derweil zwei Männer fest. Nach einem Hinweis aus Sicherheitskreisen drangen Spezialeinheiten in der Nacht zum Freitag in eine Wohnung in Duisburger Stadtteil Marxloh ein. Die beiden Verdächtigen, zwei im Kosovo geborene Brüder im Alter von 28- und 31 Jahren, kamen in Gewahrsam. Die Polizei ging nach ersten Ermittlungen nicht davon aus, dass ein Anschlag unmittelbar geplant war. Auch wurde keine Verbindung zu dem mutmaßlichen Berliner Attentäter Amri gesehen.