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NWZonline.de Nachrichten Politik

Ein bärenstarker Champion

02.04.2019

Theresienstadt /Prag Wer die Grenze nach Tschechien überschreitet, merkt schnell – hier boomt es – und zwar richtig. Die Straßen sind in einem hervorragenden Zustand, die digitale Infrastruktur ist (wenigstens gefühlt) besser als die deutsche und inzwischen putzen sich auch die einstmals ärmlich ergrauten Dörfchen heraus, die man passiert, wenn man sich der Hauptstadt Prag einmal nicht über die Autobahn nähert. Die hat die Fahrtzeit von Leipzig nach Prag übrigens auf knapp drei Stunden verkürzt. Früher hat es mehr als das Doppelte gedauert.

In Prag habe ich die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) besucht. Sie ist eine der deutschen Auslandshandelskammern, die in 92 Ländern gibt und in denen es Menschen arbeiten, die das Land und seine ökonomischen Bedingungen ganz genau kennen. Für den Markteinstieg deutscher Firmen gibt es am Wenzelsplatz Hilfe und Know-how.

Hier geht es zur Tagebuch-Übersicht: WILL MACHT EUROPA

Hier erfuhr ich Erstaunliches, das in Deutschland kaum wahrgenommen wird: Das kleine Tschechien ist ökonomisch bärenstark: „Hier ging es immer nur aufwärts“, sagt Bernard Bauer, Geschäftsführer der DTIHK. Die Kennziffern stimmen jedenfalls: Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung, die Löhne steigen und die Wirtschaft wuchs 2018 um 3,5 Prozent, 2017 sogar um 4,3 Prozent. Wie kommt das? Die deutschen Wirtschaftsvertreter stellen da eine Diagnose aus mehreren Bestandteilen. Die Tschechen seien schon immer eine „Tüftlernation“, sagt Bauer. Es gebe viel technisches Verständnis und eine viel größere Offenheit gegenüber neuen Technologien als in Deutschland. Ausländische Investitionen, vor allem aus Deutschland, haben zudem zum Erfolg beigetragen.

Von solchen Investitionen sind aber nicht alle Tschechen begeistert. Sitzt man in der Kneipe beim Bier, fällt gelegentlich schon einmal das böse Wort vom „Ausverkauf“ an Deutschland. In der Tat ist die deutsche Präsenz auch im Straßenbild unübersehbar. Deutsche Handelsketten. Deutsche Sparkassen. Deutsche Baufirmen. 4000 deutsche Unternehmen sind im Land aktiv. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Deutschland und Tschechien hat inzwischen einen größeren Wert als der deutsche Handel mit Russland. 80 Prozent des Exportes gehen in die EU.

Also alles eitel Sonnenschein? Keineswegs. Tschechien hat eine Reihe von Struktur- und Mentalitätsproblemen zu bewältigen, mit denen es sich selbst im Weg steht – und die Menschen haben ein sehr spezielles Verhältnis zu ihrer Währung, der Krone und der Idee des Euro.

Zudem ist die Begeisterung für das „einige Europa“ eher gebremst. Aber vielleicht ist das ja auch hellsichtig, und die Deutschen mit ihrem EU-Überschwang liegen schief? Mehr dazu bald in der NWZ.

Jan Roubinek, Direktor der Gedenkstätte Theresienstadt. (Foto: Will)

Vor der Wirtschaft kam heute allerdings das Grauen. Ich habe am Morgen das ehemalige Ghetto Theresienstadt besucht, das eine zentrale Rolle in der Vernichtung der europäischen Juden durch Deutsche spielte, und mich sehr lange mit dem Direktor der Gedenkstätte, Jan Roubinek, unterhalten. Es war ein Gespräch, das bisweilen an die Nieren ging, denn auch er hat Menschen aus seiner Familie im Holocaust verloren. Wir sprachen über die Bedeutung der Shoah für Europa, das gemeinsame Erinnern und die individuelle Bewältigung von Geschichte – aber auch über die nationalen Unterschiede dabei. Und die sind verdammt groß – auch jenseits der Tatsache, dass Deutsche hier die Täter waren. Trotz des Themas war es am Ende ein angenehmes Gespräch. Es wurde nämlich klar: Da ist jemand, bei dem das Erinnern in all seinen Facetten in guten Händen ist.

Und wie sehen das junge Menschen, die nach Theresienstadt kommen? Mir lief am Morgen dort eine italienische Jugendgruppe über den Weg, und ich versuchte, die jungen Frauen und Männer zu fragen. Doch ach! Hier offenbarte sich eine der Tücken Europas. Viel zu oft sind wir nämlich noch sprachlos – und zwar aus bedauerlicher Unwissenheit. Ich spreche kein Italienisch, die Befragten konnten weder Deutsch noch flüssiges Englisch. Und so musste es bei einem freundlichen „Guten Tag“ bleiben.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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