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NWZonline.de Nachrichten Politik

Furcht vor Brexit-Chaos: EU will May helfen - aber wie?

11.12.2018

Brüssel/London (dpa) - Die Europäische Union will der britischen Premierministerin Theresa May helfen, ihren Brexit-Deal zu retten und einen chaotischen Austritt Großbritanniens im März zu verhindern.

"Die Frage ist wie", schrieb EU-Ratschef Donald Tusk am Abend auf Twitter. Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss Nachverhandlungen des Austrittsvertrags mit Großbritannien aus. Doch deutete auch Merkel an, dass es eine Lösung geben könnte. May sieht bei der EU guten Willen und will weiter um Zugeständnisse kämpfen.

In höchster politischer Bedrängnis flog die Premierministerin am Dienstag kreuz und quer durch halb Europa und traf nicht nur Merkel, sondern auch den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte sowie später in Brüssel Tusk und Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Hintergrund der Rettungsmission war die Absage der ursprünglich für Dienstagabend geplanten Brexit-Entscheidung im britischen Unterhaus. May bekam dort keine Mehrheit zusammen und will sie nun durch neue "Zusicherungen" der EU erreichen. Der neue Abstimmungstermin soll aber vor dem 21. Januar liegen.

Hauptstreitpunkt in Großbritannien ist die von der EU verlangte Garantie für eine offene Grenze zwischen dem EU-Staat Irland und dem britischen Nordirland, der sogenannte Backstop. Brexit-Befürworter befürchten, dass die im Austrittsvertrag vorgesehene Lösung Großbritannien auf Dauer eng an die EU bindet. Sie wollen eine Befristung. Das hat die EU aber stets abgelehnt.

Merkel bestätigte nach dpa-Informationen in der Sitzung der Unionsfraktion, dass der Backstop der zentrale Knackpunkt sei. Es gehe nun darum, ob Großbritannien mehr Sicherheit gegeben werden könne für den Fall, dass das Land länger in einer Zwischenphase stecke und wirtschaftspolitisch nicht handlungsfähig sei. Für diesen Fall suche May Unterstützung. Ratschef Tusk twitterte nach seinem Gespräch mit May am Abend: "Klar, dass die EU27 helfen möchte."

May sagte britischen Sendern am Abend, sie sehe bei beiden Seiten das Bemühen, das Brexit-Abkommen für das britische Parlament akzeptabel zu machen. Bei den Gesprächen am Dienstag sei es um den Backstop gegangen. Es gebe eine "gemeinsame Entschlossenheit mit dieser Frage umzugehen und sich mit diesem Problem zu befassen", sagte May. Ihr Ziel sei es, dass der Backstop wenn überhaupt nur zeitlich begrenzt eingesetzt werde. "Es sind diese Rückversicherungen, die ich haben will", sagte May.

May ließ aber auch erkennen, dass sie noch nicht am Ziel ist. Dies sei "erst der Anfang der Verhandlungen", sagte sie. Am Mittwoch werde sie dafür zum irischen Premierminister Leo Varadkar reisen.

Wie Merkel lehnen auch die EU-Spitzen sowie die großen Parteien im Europaparlament Änderungen an dem 585 Seiten starken Brexit-Abkommen ab. "Jeder muss wissen, dass der Austrittsvertrag nicht noch einmal aufgemacht wird", sagte Juncker im EU-Parlament. Für "Klarstellungen" zeigte er sich aber offen. Dafür gebe es Spielraum, ohne das Abkommen selbst zu ändern.

Die EU könnte May nach Darstellung von Diplomaten in einer gesonderten Erklärung zusichern, dass man gemeinsam alles versuchen werde, den Backstop niemals anzuwenden. CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok meinte, vielleicht könne man klarstellen, dass der Backstop kein "böser Trick der EU sei". Ob solche Zusicherungen ausreichen, um May eine Mehrheit zu sichern, ist allerdings fraglich.

Wegen der völlig verworrenen Lage wächst nun wieder die Sorge vor einem ungeregelten und mutmaßlich chaotischen Brexit am 29. März 2019. Europastaatsminister Michael Roth warnte in Brüssel: "Die Zeit läuft aus. Das wissen alle Beteiligten." Die EU-Seite müsse sich auf alles vorbereiten, auch auf eine Trennung ohne Vertrag.

Die Wirtschaftsverbände BDI und DIHK wandten sich dagegen, das Brexit-Paket noch einmal aufzuschnüren. Der Präsident des Großhandelsverbands BGA, Holger Bingmann, warnte aber im SWR vor einem "völlig ungeordneten Katastrophenszenario". Der europäische Wirtschaftsverband Business Europe klagte: "Jeder Tag der Unsicherheit kostet Unternehmen bares Geld." Firmen bereiteten sich auf einen chaotischen Brexit vor. Doch sei Europa für ein No-Deal-Szenario nicht ausreichend gewappnet.

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