Oleksii Makeiev ist ein gefragter Mann im politischen Berlin. Der russische Angriffskrieg in seinem Land beschäftigt den Diplomaten auch in Berlin beinahe rund um die Uhr. Er findet trotzdem eine Stunde Zeit und spricht in seinem Büro in der Botschaft über die Zerstörung in seinem Land, Putins Regime, Chancen für Frieden und seinen Blick auf Deutschland.
Herr Botschafter, wann hatten Sie Ihre letzte richtig gute Nachricht aus der Ukraine?
Oleksii Makeiev ist seit Oktober 2022 Botschafter der Ukraine in Deutschland. Bereits von 2005 bis 2009 arbeitete er als Botschaftsrat in Berlin. Von 2014 bis 2020 leistete er als politischer Direktor des Außenministeriums einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung der Strategie zur Abwehr der russischen Aggression. Im Mai 2020 wurde er zum Sonderbeauftragten des Außenministeriums für Sanktionspolitik ernannt.
Der heute 47-jährige Kiewer hatte 1997 sein Studium am Institut für Internationale Beziehungen der Universität Kiew mit einem Diplom als Spezialist für internationale Beziehungen und als Übersetzer für Spanisch abgeschlossen.
MakeievWenn unsere Soldatinnen und Soldaten voranrücken, ist das eine gute Nachricht. Und davon bekomme ich viele. Es ist auch eine gute Nachricht, wenn meine Eltern und Freunde auf meine SMS antworten. Das heißt dann für mich: Sie sind am Leben.
Und die letzte schlechte Nachricht?
MakeievBeinahe täglich. Wir sind ein Land im Krieg. Tod, Verwundung, Zerstörung, Verwüstung, Folter und Vergewaltigung. Damit müssen wir fertig werden.
Wir hören wenig von der Sommeroffensive der ukrainischen Armee. Wie kommen Ihre Streitkräfte bei der Rückeroberung russisch besetzter Gebiete voran?
MakeievDie Russen haben sich eingebunkert. Wir müssen durch Minensperren, das ist extrem schwierig. Wir reden hier nicht über ein Computerspiel. Unser Vormarsch dauert lange und ist gefährlich. Für eine Offensive brauchen wir viele Kräfte und Waffen. Wir sind für alles dankbar, was Deutschland geliefert hat, aber wenn Sie mich fragen: Ist das genug? Da sagen unsere Jungs an der Frontlinie: Nein!
Was brauchen Sie?
MakeievIn Deutschland hat man ja gerade bei der Nato-Großübung „Air Defender“ trainiert, wie Luftstreitkräfte miteinander operieren. Verstehen Sie das fehlende Element bei uns? Kampfjets, Flugabwehr, Langstreckenartillerie. Wir haben aus Deutschland zwei Iris-T-Flugabwehrsysteme bekommen, Reichweite 40 Kilometer. Damit könnten Sie eine Stadt wie Berlin nicht schützen. Die Fläche der Ukraine beträgt mehr als 600 000 Quadratkilometer. 18 Leopard-Kampfpanzer aus Deutschland sind gut, aber unsere Frontlinie ist mehr als 1800 Kilometer lang. Deutschland ist zweitstärkster militärischer Unterstützer der Ukraine nach den USA. Aber wie gesagt, wir sind nicht in einem Computerspiel. US-Kampfjets vom Typ F16, die Deutschland nicht hat, wären sehr willkommen. Aber Langstreckenraketen aus Deutschland würden wir auch gern nehmen, auch den Marschflugkörper „Taurus“, Munition und schweres Gerät zur Entminung von Gelände, in dem sich russische Streitkräfte verbarrikadiert haben. Ich hoffe, die Lieferung von „Taurus“ dauert nicht so lange wie die Panzerdebatte in Deutschland.
Das einseitig von Russland gekündigte Schwarzmeer-Getreideabkommen…
Makeiev…hat uns jede Möglichkeit genommen, mit der Welt zu handeln. Jetzt wird Getreide wieder teurer. Russland versucht, die afrikanischen Länder zu kaufen, und zwar mit Getreide, dass es von der Ukraine gestohlen hat.
Soll die Nato ukrainische Getreidefrachtschiffe bei der Fahrt über das Schwarze Meer schützen?
MakeievFreie Seefahrt in internationalen Gewässern ist im Interesse jedes Schiffskapitäns, jeder Reederei, eigentlich jeden Landes. Die Ukraine ist in der Lage, mit ihren Agrarprodukten sehr viele Länder der Erde zu beliefern. Wir haben Getreide für 400 Millionen Menschen weltweit. Russland hat all diese Wege jetzt gekappt. Donau, Schiene und Straße werden jetzt nicht reichen. Wenn die Nato ukrainische Fracht- und Handelsschiffe bei der Fahrt über das Schwarze Meer schützen würde, wäre das ein sehr gutes Zeichen, so wie die Nato und die EU im Mittelmeer oder am Horn von Afrika Schifffahrtsrouten vor Piraterie schützen oder geschützt haben. Kein Schiff fühlt sich auf dem Schwarzen Meer derzeit sicher und frei.
Nach mehr als 500 Tagen Krieg in der Ukraine, wie groß ist Ihre Hoffnung auf Frieden?
MakeievDieser Frieden muss erkämpft werden. Und Russland muss besiegt werden. Sonst gibt es keinen Frieden. Russland kann den Krieg schnell beenden, indem es alle seine Truppen aus den besetzten Gebieten zurückzieht – inklusive von der Krim. Russland will das aber nicht, deswegen brauchen wir Unterstützung. Es ist auch im Interesse der freien Welt, dass Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, ebenso die Staatsführung, die die Befehle zu diesen Verbrechen gegeben hat. Russland muss für die Zerstörung auch finanziell bezahlen – nicht europäische oder deutsche Steuerzahler, sondern russische Steuerzahler.
Wie ist Versöhnung zwischen der Ukraine und Russland nach einem solchen Krieg möglich?
Makeiev (überlegt lange) Dazu müssten Russland und seine Menschen ihre Fehler begreifen und wenigstens ein Wort sagen: Sorry, Entschuldigung! Einfach nur Sorry! Aber das habe ich bis heute nur von zwei Menschen hier in meinem Büro gehört: von Garri Kasparow, dem früheren russischen Schachweltmeister, und von Sergey Lagodinsky, dem Grünen-Europaabgeordneten russischer Herkunft. Zwei von 140 Millionen! Ansonsten schweigt Russland. Unsere Botschaft hier in Berlin hat in 500 Tagen keinen einzigen Brief bekommen von Russland-Deutschen. Für uns Ukrainer ist es mittlerweile beinahe unerträglich, nur das Wort „Russland“ zu hören oder es gar auszusprechen. Ich kann mir gerade kaum vorstellen, dass in den nächsten 10, 20 oder 30 Jahren ein demokratisch gewählter russischer Präsident nach Kiew kommt und – wie einst Willy Brandt in Warschau – vor dem Denkmal der ukrainischen Soldaten kniet.
Was müsste passieren, damit Sie mit dem Botschafter der Russischen Föderation in Berlin, Sergej Netschajew, zum Essen gehen?
Makeiev Ich werde nie mit Sergej Netschajew Essen gehen. Er vertritt heute ein Land, das viele meiner Freunde umgebracht hat.
Was müsste passieren, damit Wladimir Putin zu Friedensverhandlungen bereit wäre?
Makeiev Alle seine Vorstellungen von einem Sieg müssten geplatzt sein. Die Bürger Russlands müssten verstehen, dass dieser Krieg ihnen nur Verluste gebracht hat, ihr Ansehen in der Welt völlig ramponiert ist. Die russische Gesellschaft muss verstehen, dass in ihrem Land etwas nicht stimmt. Aber leider wird die Entscheidung auf dem Schlachtfeld getroffen. Russland und Demokratie sind zwei Begriffe des Gegensatzes. Da kann keine Saat aufgehen.
Trauen Sie Wladimir Putin zu, dass er den Einsatz taktischer Atomwaffen befiehlt?
Makeiev Wir haben gesehen, dass Putin zu allem bereit ist. Ihm ist alles zuzutrauen. Keiner hat es geglaubt, wir haben seit vielen, vielen Jahren gewarnt, etwa, dass er Gas als Waffe einsetzt. So ist es gekommen. Wir Ukrainer müssen auf jede Entwicklung eingestellt sein.
Für Friedensverhandlungen wird es einen Vermittler brauchen. Ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dazu die richtige Figur?
Makeiev Wir brauchen keine Vermittler. Wir brauchen Verbündete. Das ist für uns wichtig, um diesen Krieg zu gewinnen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat einen sehr guten Draht zum türkischen Präsidenten. Ich glaube, Präsident Erdogan erwartet Putin zu einem Besuch. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Die Türkei ist ein wichtiger Schwarzmeer-Anrainer.
Also kein Vermittler für Frieden – nicht die Türkei, nicht China, nicht Indien?
Makeiev Wir hoffen, dass am Ende des Krieges ein Vertrag steht, der Russland zwingen wird, sich an das Völkerrecht zu halten. Ich bin mir nicht sicher, ob man einen Vermittler braucht. Ich glaube dieser Krieg wird zu tektonischen Veränderungen im ganzen Weltsystem führen.
War Deutschland zu lange zu blauäugig im Umgang mit Russland?
Makeiev Die Welt war zu blauäugig im Umgang mit Russland. Wenn Sie Fragen zu Russland haben, fragen Sie uns, fragen Sie Polen und die baltischen Staaten.
Was kann Deutschland von der Ukraine lernen?
Makeiev Vielleicht ist es das, was man heute gerne mit Resilienz beschreibt, also Widerstandskraft und Widerstandsgeist. Und wieder mehr Respekt vor dem Militär. Die Deutschen müssen begreifen: Frieden gibt es nicht umsonst. Er muss geschützt werden.
Ihre Lieblingsstadt in Deutschland?
Makeiev Natürlich Berlin, die Stadt, in der ich jetzt lebe und arbeite. Aber ich komme auch gerne nach Köln, Bonn und Düsseldorf.
