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NWZonline.de Nachrichten Politik

Ulrike Meinhof (raf): „Sie wollte Gerechtigkeit – jetzt“

11.05.2020

Frage: Professor Bormuth, ist Ulrike Meinhof an einem übersteigerten Gerechtigkeitsgefühl gescheitert?

Bormuth: Ihre christliche Erziehung schrieb ihr das Thema Gerechtigkeit gleichsam ins Gebetbuch. Allerdings war die vertröstende Botschaft ihres Vaters, der einer protestantischen Sekte angehörte, dass letzte Gerechtigkeit nicht von dieser Welt sei, sondern erst im Himmel geschehe. Meinhof sah später in Kunst und Philosophie vermehrt Formen des geistigen Ausgleichs. Erst in politischen Gruppen entwickelte die Studentin die Haltung „Gerechtigkeit jetzt“, zuletzt in der Vorstellung gewaltsamer Mittel.

Frage: Hat sie mit ihrem Tod ein Zeichen, ein Fanal setzen wollen?

Bormuth: Mit ihrer Selbsttötung am 8. Mai 1976, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, hat sie ein sichtbares Opfer bringen wollen: für die Völker der Dritten Welt und all jene, die nun vom Westen nicht nur in Vietnam und Afrika unterdrückt werden.

Frage: Kann man von einer Entwicklung der begabten Studentin und Journalistin zur Terroristin sprechen?

Bormuth: Meinhof suchte wie die Eltern in kleinen Gruppen abseits des gesellschaftlichen Mainstreams eine „kommunikative Vergewisserung“. Nach religiösen Zirkeln lehrte sie ein Jaspers-Schüler „existentielle Kommunikation“, die als Struktur bei veränderten Kontexten leitend blieb. Politische Studentengruppen, ideologische Kader von „Konkret“, später APO und RAF setzten jeweils andere Normen in Distanz zum bequemen Bürgertum.

Frage: Ulrike Meinhof war in diesen linken Gruppen der intellektuelle Star, ein Ikone. Noch bevor sie am 14. Mai 1970 in den Untergrund abgetaucht ist.

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Bormuth: Die ehemalige Studienstiftlerin verkehrte in Hamburg mit Joachim Fest und Marcel Reich-Ranicki; Klaus Wagenbach war ihr Verleger in Berlin, Rudi Dutschke ein Vertrauter.

Frage: Zeitzeugen schildern sie von arroganter Kompromisslosigkeit.

Bormuth: Meinhof hatte sich vom väterlichen Opportunismus befreit; sie dachte in radikaler und brillanter Einseitigkeit.

Frage: Was ist denn das Falsche an Kompromissen?

Bormuth: Der reine Gesinnungsethiker kennt nur einen Weg zum Guten. In der RAF hieß dieser Gewalt. Thomas Münzer, der Gegenspieler Luthers im Bauernkrieg, war ein historisches Vorbild, Che Guevara das aktuelle.

Frage: Ist das Märtyrertum darin schon angelegt?

Bormuth: Ihre politische Passionsgeschichte gründet darauf; ihr Tod machte sie selbst zu einem verehrten Opfer, das ideengeschichtlich sogar Anklänge zur religiösen Welt der Eltern besitzt.

Frage: Sie haben sich in Ihrem Buch „Die Verunglückten" nicht nur mit Ulrike Meinhof, sondern auch mit den Schriftstellern Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann und dem Publizisten Jean Améry beschäftigt. Was eint sie, außer dass sie auf spektakuläre Weise Suizid verübten?

Bormuth: Alle vier sind gewissenhafte Intellektuelle, die einen Sinn in der Geschichte suchten. Sie eint die Kritik am Nationalsozialismus, Meinhof, Bachmann und Johnson als Kinder von Eltern, die verstrickt waren, Améry als Überlebender des Holocaust. Nach den Frankfurter Auschwitzprozessen suchten sie eine Literatur und Politik der aufklärenden Gerechtigkeit. In dieser Haltung blieben die anderen drei aber gewaltfrei, politisch auf literarisch-essayistische Kritik beschränkt.

Frage: Musste es so kommen, dass sich Ulrike Meinhof in der Haft in der JVA Stammheim erhängt?

Bormuth: Der Wendepunkt war die Befreiung Andreas Baaders: Der ungeplante Sprung aus dem Fenster führte Ulrike Meinhof in die geschlossene Kommunikation der RAF, während zuvor Räume der Ambivalenz geblieben waren. Nun galt es, besonders in den späten Jahren in Stammheim ideologische Geschlossenheit im Inneren gegen den äußeren Feind zu wahren. Ulrike Meinhof wollte ihre Tatkraft demonstrieren, zumal ihr der Ruf des verhätschelten Bürgerkindes anhaftete. In den Zellenkassibern fällt ihre Selbstzerfleischung auf und die Ausgrenzungsversuche, denen sie nur mit Linientreue begegnen konnte. Meinhof tat alles, um ihre bürgerliche Vergangenheit vergessen zu lassen. Ihre Autoaggressivität, die in der Selbsttötung mündete, ist auch als verzweifeltes Zeichen zu lesen, bei allen Anklagen von innen sich als gute Terroristin zu erweisen und nach außen ihre Solidarität mit den Opfern der staatlichen Gewalt zu demonstrieren.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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