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NWZonline.de Nachrichten Politik

Unschuldiger „Friedhofsschänder“

16.06.2015

Hannover /Königshütte Der erste niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) wird aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt. In Hannover wurde der Platz vor dem Landtag umbenannt. Eine Schule, die seinen Namen trug, heißt jetzt „Grundschule am Kleefeld“, in anderen Städten stehen „Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straßen“ auf der Abschussliste, und wiederum in Hannover hat die Stadt ihm sogar das Ehrengrab aberkannt.

Der Grund: In einer Biografie behauptet die Historikerin Teresa Nentwig, Kopf sei ein williger Vollstrecker des Naziregimes gewesen und habe sich am Eigentum verfolgter Juden bereichert. Der schlimmste Vorwurf in ihrem Band „Hinrich Wilhelm Kopf (1893–1961): Ein konservativer Sozialdemokrat“: Kopf sei ein Friedhofsschänder gewesen, er habe die Grabsteine zweier jüdischer Friedhöfe in Schlesien für den Straßenbau verscherbelt. Sogar Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erhob diese Vorwürfe im Juni 2013 öffentlich.

Unversehrt überlebt

Doch mit zunehmender Recherche stellen sich angebliche historische Fakten als falsch heraus. Die von Nentwig abgeleiteten Interpretationen im Fall Kopf werden dadurch immer zweifelhafter, die Umbenennungen verlieren ihre Rechtfertigung.

Hinrich Wilhelm Kopf war zwischen 1939 und 1943 als Verwalter enteigneter jüdischer und polnischer Vermögenswerte für den NS-Staat tätig. Dazu gehörten auch die jüdischen Friedhöfe in Czieschowa (heute Cieszowa) und Königshütte (heute Chorzów). Die Autorin beschuldigt nun Kopf, er habe diese Friedhöfe geschändet, indem er die Grabsteine verkauft habe. Sie bezieht sich dabei auf eine einzige Quelle, in der Kopf in der Tat Verkäufe von Grabsteinen an seine Vorgesetzten meldet. Nur: In Wirklichkeit haben die Friedhöfe den Krieg unversehrt überstanden.

Im Falle Czieschowas konnte diese Zeitung das bereits im April nach einer Vorortrecherche in Schlesien nachweisen. Recherchen in Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte Schlesiens brachten nun auch das wahre Schicksal des Friedhofs in Königshütte ans Licht. In dem 2012 auf Polnisch erschienen Band „Juden in Oberschlesien im 19. und 20. Jahrhundert“ veröffentlichte Renata Skoczek vom Museum in Königshütte einen Aufsatz über die Zerstörung dieses Friedhofs – und die fand erst im kommunistischen Polen statt.

Bis 1954 gab es dort sogar noch 24 Begräbnisse, dann verfiel er zunehmend. Grabsteine wurden tatsächlich verkauft – aber nicht von Kopf, sondern in den 60er Jahren von der kommunistischen Stadtverwaltung. Skoczek: „Die wertvollen Steine, solche aus Granit und Marmor, wurden an Privatpersonen verscherbelt, die um den Verkauf gebeten hatten, um die Steine für verstorbene Familienmitglieder zu verwenden.“ 1973 wurden die jüdischen Toten exhumiert und der Friedhof liquidiert. Heute befindet sich an seiner Stelle der Park „Zu den Kastanien“.

Was aber sagt das über Hinrich Wilhelm Kopf aus? Zunächst verrät es etwas über die Arbeitsweise seiner Biografin. Nentwigs Buch erschien 2013. Sie hätte den Aufsatz über den Königshütter Friedhof also kennen müssen. Das aber hätte ihrer These – Kopf als Vollstrecker der Nazis – einen schweren Stoß versetzt. Stattdessen schreibt sie in einer Fußnote, der Friedhof in Königshütte sei „vollständig von den Deutschen zerstört“ worden.

Zählt man nun eins und eins zusammen ergibt sich – mit aller nötigen Vorsicht formuliert – folgendes Bild: Es scheint, als habe Kopf seine Vorgesetzten wissentlich belogen, als er vom Verkauf der Grabsteine berichtete und damit die beiden Friedhöfe vor der Zerstörung gerettet. Der Schurke könnte also ein Held gewesen sein. Historiker müssen solche Möglichkeiten mindestens einmal zur Kenntnis nehmen. Doch Nentwig unterstellt auch noch, dass die angeblich von Kopf „verkauften“ Steine zum Straßenbau verwendet worden sind, obwohl sie keinerlei Beleg dafür zu erbringen vermag.

Wenn also an solch einer wichtigen Stelle mit Fakten und Bewertungen derart lässig umgegangen wird, was ist dann an anderer Stelle möglicherweise noch zu erwarten? Ist diese Biografie wirklich die richtige Grundlage für die Tilgung Kopfs aus dem öffentlichen Raum?

Wertungen einseitig

Das betrifft auch die Wertungen des Buches. Die Autorin spielt Kopfs eigene Verfolgung durch den NS-Staat systematisch herunter. Jüdische Zeugen, die sich mit Wohlwollen und Dankbarkeit an seine Verwaltertätigkeit erinnern, werden beiseite geschoben und regelrecht pathologisiert. Ja, Kopf hat nach 1945 öffentlich über seine Tätigkeit während der NS-Zeit gelogen – wie das damals so viele getan haben. Man denke nur an Günther Grass, der sogar SS-Mitglied gewesen ist.

An keiner Stelle kann Nentwig zeigen, dass Kopf sich eines konkreten Verbrechens schuldig gemacht hätte. Im Gegenteil: Sogar sie muss zugeben, dass er verfolgten Menschen geholfen hat. Was bleibt ist seine – in der Tat kritikwürdige und unappetitliche – Verwicklung in den nationalsozialistischen Staatsapparat. Doch das ging so manchem Gründungsvater der Bundesrepublik nicht anders. Allein dies als Grundlage für eine Umbenennungskampagne zu nehmen, ist politischer Exorzismus, keine historische Auseinandersetzung.

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