Moskau - Es ist ein mörderisches Ringen, das seit Jahren im russischen Nordkaukasus tobt. Kaum ein Tag vergeht in dem Konfliktgebiet rund 2000 Kilometer südlich von Moskau ohne Meldungen über tödliche Attentate und Gefechte.

Lange her ist es, dass die Weltöffentlichkeit genauer auf die verarmte Region geschaut hat. Doch nach den blutigen Anschlägen von Boston weisen vor allem US-Medien darauf hin, dass die mutmaßlichen Attentäter Tamerlan und Dschochar Zarnajew aus dem Nordkaukasus stammen. In ihren Internetblogs betonten die „Bomben-Brüder“ ihre Herkunft aus dem früheren Kriegsgebiet Tschetschenien.

Mit blutigem Terror wollen Islamisten im Nordkaukasus ein unabhängiges Emirat errichten. Staatliche Einheiten halten mit Gewalt dagegen, zudem mischen kriminelle Banden mit. Ein Leben zählt nicht viel, oft trifft es Zivilisten zwischen den Fronten.

Auch wer nach Hintermännern sucht, lebt gefährlich. Der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja 2006 ist noch immer nicht aufgeklärt. Der mutmaßliche Schütze stammt aus Tschetschenien.

Dort sowie in der benachbarten Teilrepublik Dagestan soll sich Tamerlan Zarnajew 2012 etwa ein halbes Jahr aufgehalten haben. Hat er damals den Auftrag für das Bostoner Attentat erhalten? Ist er womöglich in der unzugänglichen Gegend ausgebildet worden? Steckt gar der Top-Terrorist Doku Umarow hinter den Anschlägen? Zwar hat sich „Russlands Osama Bin Laden“ schon lange nicht mehr zu Wort gemeldet. Doch seine Drohung, den Terror auch über Russlands Grenzen hinaus zu entfachen, ist vielen noch im Kopf.

In den Wäldern und Bergtälern Tschetscheniens und Dagestans hält sich der Islamist seit Jahren versteckt. Auch mit Tausenden Spezialkräften sowie Hubschraubern und Wärmebildkameras hat ihn die Staatsmacht noch nicht erwischt. Die verheerendsten Terroranschläge in Russland in jüngster Zeit gehen wohl auf Umarows Konto – im März 2010 auf die Moskauer Metro und im Januar 2011 auf den Flughafen Domodedowo.

Allein die Gerüchte um eine Beteiligung des Terroristen könnten dem Kaukasuskonflikt eine neue Dimension verleihen, meinen Experten. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin hat bereits angekündigt, dass die Geheimdienste Russlands und der USA stärker zusammenarbeiten sollen.