VAREL - Geschichtsunterricht der besonderen Art haben die sechs 10. Klassen des Lothar-Meyer-Gymnasiums (LMG) Varel erlebt. Bei einem munteren sowie durch Bilder und Ausschnitte aus seinem Tagebuch untermalten Vortrag des früheren LMG-Schülers und späteren Architekten Heinrich Gerdes (Jahrgang 1927) konnten die Jugendlichen ein anschauliches Bild davon gewinnen, wie ein kleiner Junge in die Weltanschauung des Nationalsozialismus hineinwuchs.

Mit zunehmender Selbstständigkeit habe er als Marinehelfer und junger Soldat an Widersprüchen und Inhumanität der Nazipolitik allmählich Anstoß genommen und sei schließlich in der Nachkriegszeit vom Opportunismus der früheren Funktionsträger in Varel, die es nun nicht mehr gewesen sein wollten, angewidert gewesen.

Als besonders eindringlich wurden von den Gymnasiasten die Bilder und Gerdes’ launige Erläuterungen zum 1.-Mai-Umzug 1933 durch die Straßen Varels empfunden. Die Vermischung von traditionellen berufsständischen Festbräuchen mit nationalsozialistischen Propaganda-Elementen wie Hakenkreuzfahnen und Spruchtafeln hätten einem sechsjährigen Jungen die Normalität der Naziherrschaft suggeriert. Die kollektive Begeisterung habe die Akzeptanz für Unterdrückung gegenüber Andersdenkenden und missliebigen Minderheiten erhöht.

Auszüge aus Gerdes’ damals geschriebenem Tagebuch ließen die Verflochtenheit der vormilitärischen Ertüchtigung in den Lebensalltag, seine Wahrnehmung der Hitler-Jugend und später der Rolle des Marinehelfers am Flak-Geschütz und des jungen Soldaten als Abenteuer und persönliche Bewährungssituation erscheinen.

Heinrich Gerdes bestätigte durch die Schilderung der Übernahmefeier zur Aufnahme in die Partei zusammen mit einer Reihe von Altersgenossen am 27. Februar 1944 in Varel, die erst nachträglich merkten, was da mit ihnen geschah, was bekannte Zeitgenossen auch schon bekundet hatten: dass nämlich ganze Gruppen von jungen Leuten ohne individuelle Entscheidung in die Partei aufgenommen wurden. Bei der Vielzahl der feierlichen Parteiveranstaltungen sei ihnen das aber nicht besonders bedeutsam erschienen, seien sie doch von Kindes Beinen an durch Mitgliedschaft in den Jugendorganisationen der NSDAP in diesem Geiste erzogen worden.

Nach Aussagen des Fachobmanns für Geschichte am LMG, Gerhard Becker, entzog Heinrich Gerdes mit seiner Darstellung der häufig betriebenen Dämonisierung der Nazis den Boden, indem er die Verführbarkeit der Menschen an sich selbst demonstrierte und die Auseinandersetzung damit als einen lebenslangen Prozess darstellte, der vor allem durch die schreckliche Erfahrung des Todes so vieler Freunde und Kameraden vorangetrieben wurde.

Die Jugendlichen lauschten dem Vortrag gespannt und dürften eine Fülle von Fragen in den normalen Geschichtsunterricht mitgenommen haben, der nur selten die Möglichkeit besitzt, ein solches Maß an Betroffenheit zu erzeugen.