Jever - Der Applaus am Ende wollte kaum enden. In seiner knapp zweistündigen Lesung mit anschließender Diskussion hatte Christian Wulff bei den 365 Zuhörern im Theater am Dannhalm viele Sympathiepunkte gesammelt.
Die Erwartungen an den Auftritt des ehemaligen Bundespräsidenten am Montagabend in Jever waren durchaus unterschiedlich: Sympathisanten und Kritiker waren genauso gekommen wie Interessierte, die einfach den „Menschen Wulff erleben“ wollten. „Das meiste hat man ja nur aus der BILD-Zeitung erfahren“, sagt etwa Thilo Wilken. Und Michael Rösemeier-Kobusch, der extra aus Bad Zwischenahn gekommen war, wollte „gern mal seine Perspektive hören“.
Kritische Fragen
Wulff plaudert charmant und entspannt über seine Erlebnisse. In seinem Buch „Ganz oben – ganz unten“ hat er beschrieben, was sich aus seiner Sicht in der „Affäre Wulff“ abgespielt hat, die am 17. Februar 2012 zu seinem Rücktritt als Bundespräsident führte. Wulff sieht sich als Opfer einer medialen Hetzjagd. Außerdem kritisiert er, dass über seinen Freispruch so gut wie gar nicht berichtet worden sei.
Wulffs Publikum in Jever reagierte auf seine Ausführungen freundlich-interessiert, es gab kritische, aber nie aggressive Fragen.
Sein Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel und auch zu seinem Nachfolger Joachim Gauck sei nach wie vor gut, berichtete Wulff. Er nahm sich Zeit, die Fragen des Moderatoren-Quartetts Axel Kullik und Michael Engelbrecht vom Lions-Club Schortens sowie Doortje Sabin und Helmut Loerts-Sabin vom Brune-Mettcker-Verlag zu beantworten. Der Blick auf die Uhr blieb dennoch nicht aus: Auch als „normaler Mensch“ habe er viele Termine, erklärte Wulff.
Er plädierte für mehr Frauen in Führungspositionen – in der Politik wie im Finanzwesen, sagte Wulff mit einem Seitenblick auf Michael Engelbrecht, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Jever – und hatte die Lacher auf seiner Seite. Mit Frauen arbeite er gerne zusammen, weil sie sensibler agieren als Männer, meint Wulff.
Er könne sich nicht vorstellen, wieder aktiv in einer Partei politisch mitzuwirken, betonte Wulff. Mitglied in der CDU ist er aber wieder geworden: „Ich habe mich dort immer heimisch gefühlt.“
Gerührt von Geschenk
Allerdings wolle er über Parteigrenzen hinweg etwas bewegen. Wulff appellierte an seine Zuhörer, dazu beizutragen, gelassener und umsichtiger mit jungen Politikern in Spitzenämtern umzugehen. Er lobte die Medienlandschaft im Jeverland: „Die Vielzahl an Tageszeitungen bewirkt einen vernünftigen Wettbewerb.“
Er berichtete ebenfalls, dass er zurzeit in 35 Fällen gerichtlich gegen Medienvertreter vorgehe, weil sie falsch und unwahr über ihn berichtet hätten.
Sichtlich gerührt zeigte sich der ehemalige Bundespräsident von dem Geschenk, das ihm die Veranstalter der Lesung überreichten: Eine Kopie des Bildes aus dem Schlossmuseum Jever, das während Wulffs 598-tägiger Amtszeit als Bundespräsident im Schloss Bellevue hing.
Beim Original handelt sich um ein etwa dreieinhalb mal viereinhalb Meter großes Bild des jeverschen Malers Eberhard Christian Dunker, das Vertreter unterschiedlicher Weltreligionen im friedlichen Dialog zeigt. Wulff schmückte mit dem Werk als Leihgabe sein Arbeitszimmer (die NWZ berichtete).
Auch nach der Lesung plauderte Wulff mit seinen Zuhörern weiter: Im Foyer des Theaters signierte er Bücher und ließ sich fotografieren.
Lions-Präsident Axel Kullik zeigte sich sehr zufrieden mit dem Verlauf: „Alle haben sich wohlgefühlt – auch der ehemalige Bundespräsident“, sagte er. „Unser Ziel, den Menschen Christian Wulff kennenzulernen, haben wir erreicht.“ Dass in der Affäre Wulff Fehler gemacht wurden, stehe außer Frage, „aber heute ging es darum, wie wir damit umgehen“, erklärte er.
Auch Michael Rösemeier-Kobusch fühlte sich bestätigt, „weil man die Dinge einfach mehr hinterfragen muss“. Imke Jongblut, die mit ihren 15 Jahren sicherlich zu den jüngsten Zuhörern im Saal gehörte, sagte: „Er ist sehr sympathisch, kam gut rüber und es hat sich gelohnt.“
