Sydney/Nordenham - Eine der größten Entwicklungen in Deutschland seit dem Mauerfall kann ich zurzeit nur aus der australische Ferne miterleben: die Flüchtlingskrise. Vor wenigen Monaten habe ich noch gedacht, dass nichts die Öffentlichkeit mehr in seinen Bann ziehen könnte als der Schuldenstreit mit Griechenland. Wenige Wochen später hat sich die Nachrichtenlage komplett gewandelt.
Kaum ein Tag ist vor den Pariser Terroranschlägen vergangen, an dem die Flüchtlingskrise in all ihren Facetten nicht die Schlagzeilen der wichtigsten Medien in Deutschland und im Ausland beherrscht hat. Selten habe ich ein so alles andere überstrahlendes Thema in meinem journalistischen Alltag erlebt. Auch nach dem Pariser Terror wird sich das nicht verändern.
Wenig hilfsbereit
Wie sich die hohe Anzahl in Europa ankommender Flüchtlinge auf Nordenham auswirkt, habe ich in der Nordwest-Zeitung verfolgt. Der Unterschied zwischen der deutschen und der australischen Reaktion ist groß. Nordenham erwartet bis Januar 2016 rund 230 Asylbewerber. In Australien sind es landesweit 25 750. Gemessen an der Einwohnerzahl nimmt meine Heimatstadt damit neunmal so viele Menschen auf wie meine derzeitige Heimat.
Einerseits bin ich froh über die Nordenhamer Reaktion. Gleichzeitig enttäuscht und schockiert mich, wie wenig Hilfsbereitschaft Australien, dieses eigentlich so wunderbar offene und zuvorkommende Land, zeigt.
Interessant ist, dass Australien schon seit längerem mit einem ganz anderen Flüchtlingsproblem zu tun hat. Dass unzählige Menschen auf dem Mittelmeer sterben, haben viele Australier erst durch das Foto des dreijährigen syrischen Jungen Aylan mitgekriegt, der tot an einem türkischen Strand angespült wurde. Das Flüchtlingsproblem hat in Australien einen anderen Namen: Rohingya. Und es ist eng verbunden mit einer Migrationspolitik, die eigentlich nicht zu glauben ist.
Rohingya, das ist eine muslimische Minderheit in Myanmar, die vor Unterdrückung und Verfolgung der buddhistischen Mehrheit in dem südostasiatischen Land flieht. Während viele Syrer, Iraker und Afghanen als Zielland Deutschland vor Augen haben, ist es für die Rohingya Australien – und das fasste die australische Regierung als große Gefahr für ihr reiches Land auf.
Das Resultat ist eine nicht unumstrittene Politik, die als „Stop the Boats“ oder „Turn back the Boats“ bekanntgeworden ist: Flüchtlingsboote, die meist in Indonesien ablegen und nicht selten Rohingya an Bord haben, werden von Marineschiffen an der Weiterfahrt gehindert und zur Umkehr nach Indonesien gezwungen. „Null Toleranz“ gegenüber Bootsflüchtlingen solle es geben, haben mehrere Minister verkündet. Mittlerweile hat es eine Kabinettsumbildung in Canberra gegeben, eine große Änderung an der Migrationspolitik wurde aber nicht angekündigt.
Es ist nicht schön, so etwas mit anzusehen: Das am Bruttoinlandsprodukt gemessen zehntreichste Land der Erde (Deutschland: Platz 18) macht seine Grenzen dicht für Verfolgte. Das ist erschreckend, wie ich finde. Und es macht mich stolz, wenn Australier in meinem Umfeld sagen: Das, was ihr da in Deutschland macht, müsste ein Vorbild für unser eigenes Land sein.
Kritische Stimmen
Dass es in Deutschland auch viele kritische Stimmen hinsichtlich der Flüchtlingspolitik gibt, ist hier noch nicht angekommen. Aus der Distanz betrachtet hoffe ich, dass die einzig gute Seite an der Flüchtlingskrise – die Hilfsbereitschaft, die Deutschland der Welt zeigt – noch lange bestehen bleibt.
Der Rest, all die brennenden Flüchtlingsheime, Grenzzäune und vor allem die Gründe, warum diese Menschen überhaupt fliehen müssen – Terror, Kriege, Kriminalität, Krankheiten und Hunger – die werden bald hoffentlich allesamt der Vergangenheit angehören.
