Stanford/Berlin - Die Dramaturgie passt perfekt für Ursula von der Leyen. Ihren ersten Termin als Immer-noch-Doktor hat sie an der Elite-Universität Stanford im US-Bundesstaat Kalifornien. Auf dem Flug dorthin hat die CDU-Politikerin erfahren, dass sie ihren akademischen Titel behalten darf. Die Laune ist bestens, die Ministerin strahlt.

Von der Leyen kennt sich auf dem Campus aus. In den 90er Jahren besuchte sie hier Vorlesungen der medizinischen Fakultät, erstellte eine Studie für die Krankenhausverwaltung. Vier Jahre lebte sie mit Mann und Kindern hier. Heute noch gerät sie ins Schwärmen, wenn sie von der Zeit redet. Ihren Doktortitel hatte sie damals gerade erst erworben.

Nun hören der deutschen Verteidigungsministerin in einem voll besetzten Konferenzraum des Europa-Instituts Wissenschaftler, Studenten und Politiker gebannt zu, darunter der frühere US-Außenminister George Shultz. Es geht um die Flüchtlinge in Europa, die Sicherung der Grenzen, die Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Kein Wort von ihr zu den Plagiatsvorwürfen, niemand fragt danach. Das ist in Kalifornien kein Thema.

Auch zu Hause in Deutschland sieht es so aus, als würde die Plagiatsaffäre schnell zu den Akten gelegt – auch wenn sich in der Wissenschaftsszene Kritik an der Entscheidung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) regt. Die monatelange Prüfung hatte 32 Plagiate auf 62 Seiten ergeben. Trotz der handwerklichen Fehler sprach die Hochschulleitung die prominente Absolventin von dem Verdacht der absichtlichen Täuschung frei.

Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann ist sicher, dass die Entscheidung vor Gericht keinen Bestand haben würde. Nach bisheriger Rechtsprechung handelt es sich seiner Meinung nach ganz klar um einen Täuschungsversuch.

Dannemann gehört zu den Wissenschaftlern, die hinter der Internetseite „Vroniplag Wiki“ stecken, über die auch die Plagiatsaffäre von der Leyens in Gang gebracht wurde. Die Motivation der Medizinischen Hochschule Hannover ist für ihn klar: Sie habe den „Weg des geringsten Widerstands“ gewählt, sagt er. „Ich glaube, man hat sich gesagt: Wie kommen wir da jetzt raus, ohne die Hochschule zu beschädigen und ohne Frau von der Leyen zu beschädigen.“

Auch andere Plagiatsjäger kritisieren die Entscheidung der Hochschule. Folgen für von der Leyen wird das aber wohl nicht haben. Die Hochschule ist in ihrer Entscheidung autonom. Eine gerichtliche Überprüfung ist kaum möglich. Klagen kann nur ein Betroffener. Im Fall von der Leyen ist das in erster Linie die Ministerin selbst. „Allenfalls könnten noch plagiierte Autoren klagen“, sagt Dannemann.

Politisch dürfte das Thema für von der Leyen auch ausgestanden sein. Die Opposition hielt sich am Tag nach der Entscheidung mit Kritik auffallend zurück. Linke-Parteichef Bernd Riexinger sprach zwar von einem faden „Nachgeschmack“, zweifelte das Urteil der Wissenschaftler aber nicht an. Von der Leyen sei mit dem Schrecken davongekommen.