In der Corona-Pandemie haben sie Konjunktur, aber verschwunden waren sie nie: Verschwörungsmythen. Sie muten oft wirr an. Dass sie auch sehr gefährlich sein können, zeigt der Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, eindrücklich in seinem neuen Buch.
Blume spannt einen Bogen von der Antike bis zu US-Präsident Donald Trump. Er widmet sich dem antisemitischen Rothschild-Verschwörungsmythos und der Ideologie der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Darüber hinaus streift er die Gedankenwelt des Philosophen Martin Heidegger und das mörderische Vorgehen von Hitler und Stalin. Auch beleuchtet er die Rolle verschiedener Medien bei der Verbreitung von Mythen.
Um einen Verschwörungsglauben aufzulösen, setzt Blume auf die sachliche Entlarvung. Und dazu dient eben auch die Ablehnung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ zugunsten von „Verschwörungsmythos“ oder „Verschwörungsfantasie“: Dass es sich um eine Theorie handeln solle, sei „zu viel der Ehre“. Denn Theorien seien wissenschaftlich überprüfbar, Mythen nicht. Bei dem Glauben an eine angebliche antisemitische, endzeitliche oder wie auch immer geartete Verschwörung gehe es oft um Emotionen und Ängste aufseiten der Anhänger, aber auch der Verbreiter. Denn diese seien darauf angewiesen, ihre Anhänger in geschlossenen Kreisen zu halten und Debatten mit Andersdenkenden zu unterbinden.
Ideologen propagierten ein Freund-Feind-Schema. Dessen Macht breche jedoch zusammen, wenn Anhänger Zeit zum Nachdenken bekämen oder in engeren Kontakt zu Andersdenkenden gerieten. Deshalb zielten Verschwörungsgläubige nicht auf Mitdenker, sondern Mitläufer.
Blumes Verdienst ist es, spannend und verständlich über sein Thema zu schreiben, aus seiner praktischen Arbeit zu berichten und den Leser auch direkt anzusprechen – und deutlich zu machen, dass er niemanden verurteilen, sondern aufklären möchte. Zusätzlich gibt er Ratschläge für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen. Blume betont, dass das Vorgehen gegen Verschwörungsmythen nicht der „Bewältigung“ von Vergangenheit diene. Stattdessen gehe es um die Zukunft.
