Skopje - Die Mazedonier nehmen es nicht so genau mit der Pünktlichkeit – das stelle ich fast täglich in der Uni fest. Auch am Prüfungstag spazieren die Studenten seelenruhig eine Stunde zu spät in den Saal und antworten auf die Frage, warum sie zu spät seien mit: „Ich hab verschlafen.“
Doch die Ausrede Nummer Eins in Skopje sind zurzeit die Proteste, die täglich außer sonntags stattfinden. Nachdem sehr viele Politiker auf Grund von Korruptionsverdacht in Untersuchungshaft mussten, wurden zunächst alle direkt aus der U-Haft entlassen, das Gesetz zum Verbot der Begnadigung von Korruptionsstraftaten geändert, und nun hat der Premierminister einfach alle begnadigt.
Das heißt, es fahren zurzeit sehr viele hochkriminelle Politiker in ihren überteuerten Autos durch die Gegend und schlürfen Champagner auf einem der drei Restaurantschiffe – alles auf Staatskosten. Da überlegt man sich dreimal, ob man Steuern bezahlen will oder nicht.
Und da täglich mehr als 10 000 Menschen gegen die Begnadigung und die vorgegaukelte Demokratie protestieren, musste sich die Partei schnell was ausdenken und verpflichtet alle Beamten – also alle Parteimitglieder – zur Gegendemonstration. Diese werden mit Bussen aus allen Teilen Mazedoniens nach Skopje gefahren, und nutzen dies als netten Berufsausflug und als Vorwand, sich hemmungslos zu betrinken.
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Dabei eskaliert natürlich alles und die Polizei macht bei jedem Mucks von ihrem Schlagstock gebrauch – und das alles, um die Fassade des Regierungsgebäudes zu beschützen. Diese ist nämlich aus Styropor und musste nach den Eierwürfen der Studentenproteste letzten Mai komplett erneuert werden.
Doch nicht nur das instabile Regierungsgebäude lässt einen staunen. Obwohl ich mich schon dran gewöhnt haben müsste, stutze ich doch immer wieder über einige Traditionen und die offensichtliche Liebe zum Imperfektionismus. Die größte Moschee Skopjes wurde nach dem Erdbeben 1963 wieder aufgebaut, doch leider mit einem enormen Rechenfehler der Architekten: circa zehn Zentimeter wurden vergessen und nun ist an der Decke einfach ein breiter Spalt zugespachtelt.
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Auch die in China gefertigten Busse im britischen Stil, die auf Skopjes Straßen unterwegs sind, sind gewöhnungsbedürftig. Nach nur wenigen Jahren im Einsatz ist dort drin auch schon alles kaputt was kaputt gehen kann: Die Haltestellenanzeige, die Fenster, die Klimaanlage und auch einige Stangen zum Festhalten – die hatte ich einmal beim Bremsen aus Versehen in der Hand. Doch den Einen kümmert‘s, den Anderen nicht – und so denke ich mir weiter nichts dabei und mache es den Einwohnern gleich und lebe in den Tag.
