WARDENBURG - Es gibt Biografien, die könnte ein Drehbuchautor nicht besser erfinden. Solch eine Lebensgeschichte hat die Wardenburgerin Christel Herrmann, die an Heiligabend ihren 95. Geburtstag feierte. Wardenburgs erster stellvertretender Bürgermeister Detlef Sonnenberg überbrachte am Vormittag die Gratulationen von Rat und Verwaltung.
Auch wenn wohl kein unmittelbarer Zusammenhang besteht – das ungewöhnliche Geburtsdatum spiegelt Christel Herrmanns ganz und gar nicht stromlinienförmigen Lebensweg wider. Zwei Fluchten liegen hinter der gebürtigen Ostpreußin, zuerst die aus der Heimat, später die aus der DDR. Der erste Ehemann und Vater der drei Söhne (geboren 1939, 1941 und 1945) ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verschollen, während Christel Herrmann allein im sechsten Monat schwanger und mit zwei kleinen Kindern an der Hand im Zug Richtung Dresden floh. Wenn die alte Dame heute von der Geburt ihres dritten Kindes auf der Flucht in einem zugigen Unterschlupf erzählt und von den traumatischen Erfahrungen anderer Frauen, die sie miterleben musste, ist trotzdem keinerlei Verbitterung zu spüren – im Gegenteil. Es war wohl Christel Herrmanns unerschütterlicher Optimismus, der sie all das ertragen ließ.
In Brandenburg fand Christel Herrmann schließlich mit ihren Söhnen ein neues Zuhause, ließ sich zur Lehrerin ausbilden und lernte schließlich ihren zweiten Mann, Werner Herrmann, kennen und lieben. 1951 heirateten die beiden in Potsdam. Beide arbeiteten zuletzt als Lehrer in einer jugendpsychiatrischen Klinik. „Aber wir waren in der falschen Partei“, sagt die überzeugte Demokratin Christel Herrmann nüchtern.
1956 folgte eine abenteuerliche Flucht aus der DDR. Nach Monaten in verschiedenen Flüchtlingslagern kam die Familie schließlich nach Bremen. Bis vor zehn Jahren lebte das Ehepaar in Ritterhude, dann folgte der Umzug nach Wardenburg, wo einer der Söhne lebt.
Seit 1971 ist Christel Herrmann Pensionärin – was nicht bedeutet, dass sie in dieser Zeit weniger aktiv gewesen wäre als zuvor. Auf die Frage nach ihrem Rezept für ein langes Leben antwortet sie: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man geistig und körperlich etwas tun muss.“
Und eben diesen Leitsatz hat Christel Herrmann immer befolgt: Im Ruhestand lernte sie Englisch und Finnisch, nahm Cello-Unterricht und reiste mit Ehemann Werner in sämtliche Länder Europas und zweimal um die Welt. Allein in Finnland hätten sie 26 Sommerurlaube verlebt, berichtet Christel Herrmann, die eine große Anhängerin der Saunakultur ist.
Das Autofahren gab Christel Herrmann vor zwei Jahren auf. „Ich habe ja einen Chauffeur“, sagt sie schmunzelnd mit Blick auf ihren 89 Jahre alten Ehemann. Nicht eingestellt hat die 95-Jährige indes die wöchentliche „Spiegel“-Lektüre. Es sei ihr wichtig, über das politische Geschehen informiert zu bleiben, sagt sie.
Den Abend ihres 95. Geburtstags, Heiligabend, verbrachte Christel Herrmann mit ihrem Mann bei einem ihrer Söhne in Schwanewede. Dort lernte die Jubilarin – zur Feier des Tages – ihr zwölftes Urenkelkind kennen, das vor drei Monaten in Norwegen auf die Welt kam.
