Hannover/Wilhelmshaven/Oldenburg - „Wir drehen ein ziemlich großes Rad“, kündigte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) an. In Niedersachsen sollen mehr als 2,3 Milliarden Euro an Fördermitteln in Wasserstoffprojekte fließen. Das Land will sich daran mit 700 Millionen Euro beteiligen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Landtag Ende September der Finanzplanung zustimmt. Hinzu kämen private Investitionen, so dass insgesamt 6 Mrd. Euro in eine grüne Wasserstoffwirtschaft fließen, so Weil. Er stellte gemeinsam mit Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sowie Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) am Dienstag in Hannover die Strategie vor.
Was ist das europäische IPCEI-Programm ?
IPCEI steht für „Important Projects of Common European Interest“ (Deutsch: „Wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse“). 2021 konnten Unternehmen Projektskizzen für Investitionsvorhaben einreichen. Auf EU-Ebene wurden über 400 Projekte aus 18 Staaten registriert und genehmigt. Bund und Länder wählten 62 deutsche Großvorhaben aus; diese Vorhaben sollen mit über 8 Mrd. Euro an Bundes- und Landesmitteln gefördert werden. Niedersachsen profitiere mit 2,3 Mrd. Euro überdurchschnittlich von dem Förderprogramm, betonte Lies. Mit den Seehäfen, dem gut ausgebauten Gasnetz und große Kavernenspeicher biete Niedersachsen beste Voraussetzungen. Das Programm sei auch ein Beitrag dazu, „Energieland Nummer 1“ zu werden, sagte Weil. Althusmann betonte, Wasserstoff sei entscheidend für die Sicherung des Wohlstands im Land. Nur wenn es gelinge, Wasserstoff als Energieträger auch für mittelständische und kleine Unternehmen zugänglich zu machen, werde am Ende der Wirtschaftsstandort profitieren.
Welche energiepolitischen Ziele werden angestrebt ?
Rund 40 Prozent der Elektrolyseleistung zur Erzeugung von klimaneutralem Wasserstoff sollen in Niedersachsen errichtet werden, sagte Lies. Insgesamt gehe es um eine Leistung von 850 Megawatt, die in den nächsten fünf Jahren gefördert werden. Es sollen 500 Kilometer Wasserstoff-Infrastruktur, meist durch Umwidmung bestehender Erdgasleitungen, geschaffen werden. Kavernen, beispielsweise in Etzel (Kreis Wittmund) sollen zu Wasserstoffspeicher umgerüstet werden.
Um welche Projekte geht es denn genau ?
Gefördert werden sieben Großprojekte, über die es zwölf Vereinbarungen gibt. Vor allem der Nordwesten, insbesondere die Seehafenstädte Emden und Bremen, profitieren. Eine Übersicht:
1. In Salzgitter soll beim Projekt „Salcos“ unter anderem ein 100-Megawatt Elektrolyseur, als eine Vorrichtung zur Zerlegung von Wasser durch Elektrolyse in seine Grundkomponenten Wasserstoff und Sauerstoff, entstehen. Mit der Anlage sollen jährlich bis zu 1,9 Millionen Tonnen „grüner Stahl“ produziert werden.
2. Das Projekt „Clean Hydrogen Coastline“ der EWE: Hier soll in Emden ein 320-MW-Elektrolyseur gebaut werden, außerdem ein Elektrolyseur in Bremen und ein Kavernenspeicher am Standort Huntorf (Wesermarsch).
3. Das Projekt von EWE und Uniper: Aufbau von 30 MW Elektrolyseleistung in Huntorf.
4. Gasunie Deutschland stellt Verbindungen zwischen Großelektrolyseuren in Bremen, Hamburg und Salzgitter sowie einen Anschluss ans niederländische Wasserstoffsystem her.
5. Die Firmen RWE, OGE, Nowega und Thyssengas bauen und betreiben drei Elektrolyseure je 100 MW am Gaskraftwerks-Standort Lingen (Ems).
6. Am BP-Standort Lingen wird Wasserstoff für Raffinerieprozesse produziert.
7. Beim Projekt „Green Octopus“ wird das Industriezentrum Salzgitter mit dem mitteldeutschen Chemie-Dreieck verbunden.
Was passiert mit den LNG-Terminals für Flüssiggas ?
In der aktuellen Energiekrise hilft der Import von Flüssiggas (LNG), unabhängig von russischem Gas zu werden. Die LNG-Terminals, etwa in Wilhelmshaven oder Stade, werden laut Lies so gebaut, dass später problemlos der Import von klimaneutralem Wasserstoff möglich ist. Hier setzt das Land auch auf Kooperationen mit Schottland oder Dänemark, die ihre Offshore-Windanlagen massiv ausbauen wollen. Der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft im Nordwesten sei „eine historische Chance“, betonte Weil.
