Jever - Die eine Ecke ist ausgefranst, das Foto ist fleckig – zu sehen ist ein Neugeborenes auf dem Arm einer Krankenschwester. Nichts ungewöhnliches eigentlich. Und doch: Das Foto zeigt Judith Austern 1950 im Alter von drei Tagen. Und zwar im Hospital des Camps für Holocaust-Überlebende auf dem Fliegerhorst Upjever.
Judith Austern heißt heute Judith Brown und lebt in den USA. Ihr Vater – ein Jude – stammte aus Warschau und ihre Mutter – ebenfalls Jüdin – aus Ungarn, beide hatten die NS-Zeit überlebt und nach 1945 im Camp Bergen-Belsen für jüdische „Displaced Persons“ (DP) geheiratet.
Durchgangslager Jever
„Bei Bergen-Belsen denkt man in der Regel an das am 15. April 1945 von britischen Truppen befreite Konzentrationslager und die von den entsetzten Soldaten vorgefundenen zehntausenden Leichen“, sagt Holger Frerichs vom Schlossmuseum Jever. Seltener denke man an das später in den benachbarten Wehrmacht-Kasernen in Bergen-Hohne eingerichtete größte Camp Nachkriegsdeutschlands für jüdische „Displaced Persons“: Außer den Überlebenden aus Bergen-Belsen fanden dort auch Befreite aus vielen anderen NS-Lagern Unterkunft. „Fast unbekannt ist, dass die Geschichte des jüdischen DP-Camps Bergen-Belsen in den Jahren 1950/51 in den Bauten des ehemaligen NS-Fliegerhorsts Upjever zu Ende ging“, weiß der Lokalhistoriker.
Er arbeitet seit längerem an Aufarbeitung der Geschichte des DP-Camps in Upjever und erstellt zurzeit eine umfangreichere Dokumentation über das Lager.
Als die Briten die Kasernen in Bergen-Hohne wieder für militärische Zwecke zu nutzen planten, suchten sie ein Ausweichquartier für die Holocaust-Überlebenden. „Die Wahl fiel schließlich 1950 kurzfristig auf Upjever. Mitte Juli 1950 bezogen anfänglich etwa 1000 jüdische Displaced Persons die leer stehenden Gebäude auf dem Flugplatzgelände“, berichtet Frerichs.
Das Lager existierte bis Mitte August 1951 unter der offiziellen Bezeichnung „Resettlement Transit Camp Jever“ – „Auswanderungsdurchgangslager Jever“.
„Die Bewohner im Camp, Juden meist polnischer oder ungarischer Herkunft, warteten dort weiter auf die Möglichkeit einer Auswanderung nach Israel, in die USA oder andere Länder“, weiß Frerichs: Das Camp wurde unter Oberhoheit der britischen Besatzungsmacht von der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO) verwaltet. International tätige jüdische Hilfsorganisationen, vor allem der amerikanische „Joint“, unterstützten die Bewohner.
Beschränkte Kontakte
Mit dem „Komitee der befreiten Juden in der Britischen Besatzungszone“ unter Leitung von Josef Rosensaft, das 1950/51 seinen Sitz ebenfalls von Bergen-Belsen nach Upjever verlegte, besaßen die Bewohner eine Interessenvertretung und Lagerselbstverwaltung, so Frerichs: „Kontakte zu Einheimischen rund um das DP-Camp gab es nur beschränkt, in erster Linie durch Tauschhandel. Deutsche Behörden und Polizei hatten auf dem Gelände und auf die Bewohner keine Zugriffsrechte, da den traumatisierten Überlebenden des Holocaust ein solcher Kontakt mit Amtspersonen aus dem Land der Täter erspart bleiben sollte.“
Im August 1951, kurz vor Schließung des Camps, protestierten seine Bewohner beim Lichtspielhaus am Alten Markt in Jever gegen die Aufführung eines neuen Films von Veit Harlan, Regisseur des in der Nazizeit produzierten Hetzfilms „Jud Süß“.
Das Camp in Upjever verfügte über ein gut ausgestattetes eigenes Hospital, in dem auch nichtjüdische deutsche Ärzte und Schwestern beschäftigt waren: „Darunter war zum Beispiel auch Dr. Weikert, der in Jever blieb und vielen Jeveranern noch als Hausarzt und Belegarzt im Sophienstift in guter Erinnerung ist“, sagt Holger Frerichs.
Im Camp wurden mehr als 30 Kinder geboren. Dazu zählte Judith Austern. Mit ihr steht Holger Frerichs nun in Kontakt.
