Westerstede/Augustfehn - Als Landing Jarju das Flugzeug in seinem Heimatland Gambia bestieg, ging es für den 35-Jährigen zum ersten Mal in seinem Leben nach Europa. Sechs Wochen lang sollte er den Alltag im Ammerland erleben. „Ich kam von einer Welt in eine andere“, sagt er. Er hatte davon gehört, dass es hier kalt sein würde. Doch wie eisig, das spürte er erst, als er an einem Regentag im Dezember in Norddeutschland ankam.

Kuki Gambia

Der Verein KuKi Gambia e.V. setzt sich für Schulpatenschaften ein. Das Geld kommt Kindern in dem Dorf Kubuneh in Gambia zugute.

Viele weitere Projekte wurden inzwischen mit Hilfe von Spendengeldern verwirklicht oder angeschoben. Unterstützt wurde beispielsweise eine Klinik, die von der Schließung bedroht war. Vor allem die Ausbildung der Menschen liegt den Ehrenamtlichen am Herzen.

Geplant ist ein Ausbildungszentrum. Dort soll Jugendlichen ermöglicht werden, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Ausgestattet wird es mit einer Näherei, einer Schweißerei und einer Fahrradwerkstatt.

Zustande gekommen war der Besuch durch private Kontakte. Die Augustfehner Anja und Hartmut Dreesmann vom Vorstand des Vereins „KuKi Gambia“ haben den gambischen Polizisten auf eigene Kosten zu sich eingeladen. In Kubuneh kümmert sich Jarju ehrenamtlich um die Koordination der Hilfsprojekte, die vor einigen Jahren von der Westerstederin Karin Klaproth ins Leben gerufen worden sind.

Jetzt sollte der gambische Partner Erfahrungen in Deutschland sammeln, die vielleicht auch für die Entwicklung in seinem Heimatland wichtig sein könnten. Denn dort soll ein Ausbildungszentrum aufgebaut werden. Das sei wichtig, findet Jarju. „Viele Jüngere gehen weg, doch das Land braucht sie.“ So besuchte er zum Beispiel die Deula in Westerstede und und besichtigte zwei Tage lang die Firma AMF Bruns in Apen.

Besonders freute er sich darüber, in Westerstede zwei Wochen lang in verschiedene Bereiche der hiesigen Polizeiarbeit hineinschnuppern zu dürfen. Zu Hause sei er Ausbilder in einer Polizeiakademie und hin und wieder bei Drogenkontrollen im Einsatz, erklärt der gambische Gast. Während in seinem Heimatland die Straßen nur selten einen Namen hätten und sich die Polizisten auf ihre Ortskenntnisse verlassen müssten, sei hier alles durchstrukturiert und vernetzt bis hin zur technischen Ausstattung der Polizei.

Viele Fragen mussten die deutschen Kollegen beantworten. Doch auch sie erfuhren vieles über den Berufsalltag in Gambia. „Dieser Besuch ist für uns ebenfalls eine sehr interessante Erfahrung und auch eine Bereicherung“, sagt die Leiterin des Polizeikommissariats, Andrea Lamping, über ihren schwarzafrikanischen Gast.

Für Landing Jarju sind die Wochen in Deutschland aber auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Vieles hat er in seinem Leben noch nie gesehen: einen Zug beispielsweise, einen Kaffeevollautomaten oder eine Geschirrspülmaschine. Gastgeber Hartmut Dreesmann erinnert sich schmunzelnd: „Er hat mich gefragt, warum ich nach dem Essen das schmutzige Geschirr in den Schrank räume.“

Dreesmann, der bereits drei Mal in Gambia gewesen ist, hat dort ebenfalls über vieles gestaunt. So weiß er, dass die Menschen dort ganz anders leben als hier. So gibt es die Vielehe, und der Familienzusammenhalt ist groß. Jarju, der selbst nicht verheiratet ist, wohnt mit seinen Angehörigen zu zehnt in einem Haus ohne fließend Wasser und Elektrizität. Mit seinem schmalen Gehalt sorgt er für das Grundnahrungsmittel Reis. Viel mehr kann sich die Familie nicht leisten.

„Hier gibt es so viele verschiedene Gerichte“, wundert sich Jarju über den Überfluss in Deutschland. Vor allem an Weihnachten hat ihn das tief beeindruckt: „Es gab Essen und Trinken den ganzen Tag und so viele Geschenke.“ Auch die Weihnachtsdekoration sei überall so üppig gewesen, erzählt er staunend.

Sein großer Wunsch, einmal im Leben Schnee zu sehen, hat sich schon erfüllt. Doch auch mit vielen anderen tiefen Eindrücken aus Deutschland wird Jarju Anfang Februar nach Gambia zurückkehren und dort wohl sicher eine Menge zu erzählen haben.

Kerstin Schumann
Kerstin Schumann Redaktion Westerstede