Westerstede - Wir leben in Zeiten, in denen wohl so viel gemeckert wird, wie noch nie. Das Internet ist voller Negativ-Kommentare, nicht selten werden Grenzen überschritten. Und dennoch leben wir in Wohlstand und Frieden mit Annehmlichkeiten, von denen man früher nur träumen konnte. „Das sollte uns mit Dankbarkeit und Freude erfüllen“, meinte Landrat Jörg Bensberg beim Neujahrsempfang des Kreises vor rund 200 Gästen.
Zumal die Bilanz im Ammerland noch sehr viel besser ausfällt, als in den meisten anderen Regionen oder Großstädten. Bei der Jugendarbeitslosigkeit (bis 20 Jahre) weist das Ammerland mit einer Quote von 1,6 Prozent die niedrigste im Land aus. Auch die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss ist eine der niedrigsten überhaupt. Sie liegt bei 1,1 Prozent, so der Landrat. In Niedersachsen liege der Schnitt bei 3,9 Prozent, in Wilhelmshaven ist man sogar bei mehr als zehn Prozent. Dazu befindet sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen (über 44 000) auf Rekordniveau.
Allerdings komme das auch nicht von Ungefähr. Mit Zuschüssen und Förderprogrammen hat die Wirtschaftsförderung im Schulterschluss mit den Betrieben im Ammerland seit 2008 Investitionen von mehr als 140 Millionen Euro angeschoben. Nur dadurch entstanden 1600 neue Arbeitsplätze.
„Die hervorragende Lage ist aber gefährdet, wenn schnelle Datenverbindungen nur eine Verheißung bleiben“, so Bensberg. Mit der Gigabit-Glasfasererschließung sollen in den kommenden Jahren fast 6000 Wohngebäude, Baumschulen, landwirtschaftliche Betriebe, Schulen und Krankenhäuser ans superschnelle Internet angeschlossen werden. Allein 2020 werden hier fast 15 Millionen Euro investiert. Weitere zig Millionen folgen in den nächsten Jahren.
Zur Lebensqualität gehören aber nicht nur schnelles Internet und gute Jobs, auch beim Thema Kriminalität gehört das Ammerland zu den sichersten Regionen überhaupt. Beim Problem Wohnungseinbrüche gab es in der jüngsten Kriminalitätsstatistik nur noch 81 Fälle.
Wenn schwere und spektakuläre Straftaten passieren, dann landen die Akten früher oder später auf dem Schreibtisch von Richter Sebastian Bührmann. Als Vorsitzender Schwurgerichtskammer am Landgericht Oldenburg musste er den Holzklotz-Mord verhandeln, in Rocker-Prozessen Recht sprechen oder zuletzt den Fall Högel leiten. Wie kann man bei so viel Mord und Totschlag noch ein fröhliches Leben führen?
Für Bührmann kein Gegensatz. Im Gegenteil. Man kann als Richter Opfern und Angehörigen beistehen, Fälle aufarbeiten. „Das ist sehr erfüllend“, meinte er.
„Bei schweren Straftaten ist der Schaden nicht wieder gut zu machen.“ Aber Nebenkläger können den Angeklagten in die Augen sehen, und sie bekommen Gehör verschafft. „Das ist ganz wichtig zum Verarbeiten“, so Bührmann.
Vor Gericht geht es nicht um blinde Rache, sondern Aufarbeitung. „Stellen Sie sich vor, wir leben in der Mittelsteinzeit. Die Sippe Bührmann hat ein Mammut erlegt. Und während vor der Höhle gegessen wird, kommt die Sippe Bensberg. Die bringt drei Männer um, raubt das Fleisch und mehrere Frauen. Was wäre damals dann passiert?“ Bührmann gab gleich selbst die Antwort. Die Überlebenden hätten sich Verstärkung geholt und mit Blutrache geantwortet. „Wie sieht das heute aus? Die Bensberg-Gang überfällt die Bührmann-Clique, raubt ein Fass Bier, Steak, den Flatscreen und verletzt mehrere Menschen. Was würden wir heute tun? – Die Polizei rufen.“ Heute kann die Gesellschaft darauf vertrauen, dass der Staat mit seinem Gewaltmonopol für Gerechtigkeit sorgt. Transparent, öffentlich und kostenfrei. „Schauen Sie nicht Richterin Salesch oder in Internet-Foren“, so Bührmann.
Und dann erzählte er noch die Geschichte eines afghanischen Flüchtlings, der einen Messerangriff in einem Asylheim nur knapp überlebt hatte. Nach der Verurteilung des Täters kam der Mann zu Bührmann und bedankte sich unter Tränen. Er habe nie damit gerechnet, als Flüchtling Gerechtigkeit zu bekommen. Wo er herkomme, habe man Polizei oder Justiz bezahlen müssen.
„Dieses Recht und diese Freiheit müssen wir verteidigen“, sagt der Richter abschließend unter großem Applaus.
