Wolfenbüttel/Berlin - Freundschaften beginnen oft, wenn einer ganz unten ist. Sigmar Gabriel steckt 2003 knietief im Schlamassel. Eben noch regiert er in Hannover als jüngster Ministerpräsident der Republik, da vergeigt er die Wahl und ist verzweifelt. In Berlin kann Kanzler Schröder das Harzer Elend nicht länger mitansehen. Er macht dem jungen Gabriel ein verlockendes Angebot. Spitzenkandidat bei der Europawahl. Die Chance zum Comeback.
Doch da ist noch ein anderer. Martin Schulz. Gabriel muss ihn wegbeißen. Er tut es nicht. Der Goslarer erzählt dem Würselener von Schröders Plan. Schulz bleibt Nummer eins in Brüssel. Gabriel muss sich eine ganze Weile als SPD-Musikbeauftragter („Siggi Pop“) verspotten lassen. Aus dieser Episode wächst Vertrauen, so etwas wie Freundschaft. Die gibt es in der Politik eigentlich gar nicht. Gabriel und Schulz dürften diesem Zustand aber recht nahe kommen.
An diesem Mittwochabend werden sie zusammen in Wolfenbüttel auf der Bühne stehen. Gabriel tritt zum letzten Mal als SPD-Chef in seinem Wahlkreis auf. Die „Lindenhalle“ wird beben. Aber nicht seinetwegen. Ihn haben sie in der Heimat, wo er erneut zum Kandidaten für den Bundestag aufgestellt wird, stets nur geachtet, nie geliebt. Die Leute kommen nach Wolfenbüttel, um „Maddin“ zu sehen.
Ende Januar bei seiner ersten Show im Kandidatengewand sagt Schulz in Berlin zu Gabriel, er sei sehr froh, „dass Du mein Freund bist“. Bis zum spektakulären Finale in der K-Frage seien sie eng beieinander geblieben, „obschon der ein oder andere versucht hat, uns gegeneinander zu treiben“. Unerwähnt bleibt, wie sehr es Gabriel zeitweilig nervte, dass Schulz im vergangenen Herbst mit den Hufen scharrte.
Für Gabriel, den hinter der rauen Schale überaus sensiblen Machtmenschen, dürfte der Schulz-Hype im tiefsten Inneren nicht nur bedingungslose Freude auslösen. Zeigen tut er es nicht. Am Sonntag, beim Sonderparteitag in Berlin, ist für ihn nach siebeneinhalb Jahren SPD-Vorsitz Schluss im „schönsten Amt neben Papst“, wie es Franz Müntefering einst umschrieb. Gabriel wollte es so. Und nach sechs Wochen Schulz sieht es so aus, als ob er mit dem Rückzieher die klügste Entscheidung seiner Karriere getroffen hat.
Sollte Schulz nach der Wahl Kanzler werden, Gabriel wäre der Königsmacher. Wie 1998 Oskar Lafontaine bei Schröder. Lafontaine ertrug es dann nicht, im Schatten zu stehen. Bei Gabriel scheint das nicht zu drohen. In seiner neuen Rolle als Außenminister wirkt der 57-Jährige befreit, fast wie verwandelt. Ob Türkei-Krise, Trump oder Putin - staatsmännisch trifft Gabriel die richtigen Töne. Das Rotzige, das Aggressive, das „Ihr-seid-doof“-Gehabe, was ihm sein mieses Image einbrachte und die Kanzlerkandidatur verbaute, ist weg. Auch die Geburt von Töchterchen Thea dürfte Gabriel milder gemacht haben.
Einige in der SPD waren anfangs besorgt, Gabriel würde als Chefdiplomat in Windeseile das Erbe des ins Präsidentenamt beförderten Frank-Walter Steinmeier beschädigen. Davon ist keine Rede mehr. Auch im Doppelpack mit Schulz läuft es, heißt es aus der SPD-Führung. Das ist nicht selbstverständlich. Vor vier Jahren gingen Kandidat Peer Steinbrück und Gabriel im Wahlkampf manchmal heftiger aufeinander los als auf den Gegner Union.
Nun steuert Gabriel als Vizekanzler unverändert die SPD-Regierungsgeschäfte. Schulz ist im Bilde, hält sich aber weitgehend heraus. Wer in den Augen der SPD-Anhängerschaft gerade übers Wasser läuft, packt sich nicht großkoalitionäre Steine in die Taschen. Noch vor der Saarland-Wahl, wo die SPD am 26. März nach 18 Jahren die Macht zurückerobern will, soll der mehrfach verschobene Koalitionsausschuss von Union und SPD nachgeholt werden - erstmals wohl mit Schulz. Besonders scharf darauf ist er nicht. Er ist der Neue in Berlin, der Angela Merkel verdrängen will. Da braucht Schulz keine Bilder, wie er bei ihr vorfährt.
Und wenn es am 24. September schiefgeht, die SPD wieder als Juniorpartner unter Merkel dienen muss? Gabriel hat diplomatisches Blut geleckt. Er will nicht als Kurzzeit-Außenminister in die Annalen eingehen. Was würde dann aus „Mister Europa“ Schulz? Auf die ziemlich besten Freunde warten noch einige Bewährungsproben.
