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WIESBADEN - Was haben Köln und Kabul, Frankfurt und Feyzabad, München und Mazar-i Scharif gemeinsam? Wer sich vor islamistischem Terror schützen will, muss in Afghanistan wie auch in Deutschland die Köpfe und Herzen der muslimischen Bevölkerung gewinnen. Mit dieser provokanten Analogie hat Ernst Uhrlau, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), am letzten Tag der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden aufgewartet. Drei Tage lang, von Dienstag bis Donnerstag, tauschten sich Fachleute über das Thema illegale Migration aus. Für Uhrlau steht fest: „Eine gelungene Integration der Zuwanderer ist eine Investition in die Terrorprävention.“Aus der Gruppe der legal in westlichen Ländern lebenden Einwanderer, die unzufrieden und frustriert am Rande der Gesellschaft ihr Leben fristen, rekrutiere das Terrornetzwerk El Kaida bevorzugt seinen Nachwuchs, meinte der BND-Chef. „Dass diese Strategie bereits aufgegangen ist, zeigen die Anschläge von Madrid und London.“ Die Täter waren islamische Einwanderer mit Wurzeln in Nordafrika beziehungsweise Pakistan. Die Taten hätten auf drastische Weise demonstriert, dass der islamistische Terror nicht importiert worden sei, sondern sich hier entwickelt habe. „Je weniger Migranten in das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben integriert sind, umso anfälliger sind sie für die scheinbar einfachen Botschaften des globalen Jihad“, stellte Uhrlau fest.
Die in den vergangenen zehn Jahren in westlichen Ländern verübten Terroranschläge seien überwiegend von Tätern mit Einwanderungshintergrund begangen. Einzig der Bombenanschlag von Oklahoma City falle heraus. Sowohl die Anschläge in Madrid und London, der Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden sowie die vereitelten oder missglückten Anschläge auf Flugzeuge in London und auf deutsche Regionalzüge wurden von Männern mit Einwanderungshintergrund verübt. Bei ihnen handelte es sich stets um Menschen, die sich legal in dem Land aufhielten, als Staatsbürger oder mit legalen Aufenthaltspapieren.
Uhrlau sieht für Europa die These einer US-Studie von 2005 bestätigt: „Die meisten Einwanderer sind keine Terroristen, aber die meisten Terroristen sind Einwanderer oder haben einen Einwanderungshintergrund.“
Mit dieser Feststellung, so der oberste Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes, solle aber keinesfalls denjenigen das Wort geredet werden, die „fremdenfeindliche Abwehrreaktionen“ provozieren wollen. Auch sei es bei Sicherheitsexperten inzwischen Konsens, dass Schutz vor Terroranschlägen nicht allein durch verstärkte Kontrollen, High-Tech-Überwachung und schärfere Gesetze zu erreichen sei.
Illegale Migration spielte in der Genese der in Europa verübten Anschläge keine Rolle. „Es gibt keine direkte Verbindung zwischen illegaler Migration und internationalem Terrorismus.“
Allerdings, so Uhrlau weiter, bediene sich El Kaida gelegentlich der Dienste und Kenntnisse der organisierten Schleuserkriminalität. Als Beispiele nannte der BND-Präsident die Beschaffung falscher Ausweispapiere sowie die Schleusung von „Freiwilligen“ in den Irak, die dort Terroranschläge verüben wollen. „Eine symbiotische Verschmelzung“ zwischen Terror und Schleuserkriminalität sei aber nicht zu beobachten.
