WILDESHAUSEN - Es klingt ein bisschen wie aus einem Märchen: Die schwarz-gelbe Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekennt sich innerhalb weniger Wochen zum Atomausstieg und beschließt darüber hinaus ein stufenweises Stilllegen der verbliebenen Reaktoren.

Anfang des Jahres hätte mit diesem Ausgang wohl niemand gerechnet. Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima hat jedoch etwas bewirkt, wofür seit den Siebzigern immer wieder Bürger auf die Straßen gegangen sind. Und auch Hannah Gryczan, eine der fünf Organisatoren des Bündnisses „Wildeshausen-gegen-Atomkraft“ kann die Kehrtwende in Sachen Energiepolitik immer noch nicht so recht begreifen. „Es ist toll, was wir alle zusammen erreicht haben“, fasst die Abiturientin das Unbegreifliche in Worte.

Beim 5. und vorläufig letzten Wildeshauser Montagsspaziergang gegen Atomkraft herrschte eine entsprechend gelöste Atmosphäre auf dem Marktplatz, die später noch zusätzlich von der Samba-Gruppe Acompasso angefacht wurde. „Leider sind nicht ganz so viele Teilnehmer wie bei den bisherigen Kundgebungen erschienen. Vielleicht, weil die Ziele erreicht sind“, mutmaßt Gryczan.

Doch nach und nach trudeln bis zu 50 Anti-Atomkraftgegner auf dem Platz ein, darunter Grüne, ein paar Linke, CDU-Mitglieder sowie engagierte Bürger. Ausgestattet sind sie mit Transparenten, auf denen markige „Atomkraft-Nein-Danke“-Slogans geschrieben sind. Nur Sören, sechs Jahre alt, erscheint mit einer Vuvuzela unter dem Arm. Lärm machen, ohne dass eine Fußball-WM ansteht – das geht immer, freut er sich.

Seine Mutter, Irene Kolb aus Harpstedt, sieht die Sache aus einem anderen Blickwinkel: „Ich kann mich noch sehr gut an Tschernobyl erinnern“, sagt die 46-Jährige. Schlimm sei das damals gewesen, einige der Bilder kann sie bis heute nicht loswerden. Das Vertrauen in die Atompolitik ist seitdem zerrüttet. Trotz der guten Nachrichten, bleiben Zweifel: „Ob der Ausstieg in der Form klappt wie geplant, weiß ich nicht.“

Ähnliche Bedenken äußert die Organisatorin: „So schön der Ausstieg ist: Drei Bundestagswahlen stehen noch bis 2021 an.“ Viel könne innerhalb dieses Zeitraumes passieren. Schon einmal sei der Atomausstieg beschlossene Sache gewesen, weiß Hannah Gryczan. Dann wurde er wieder gekippt. „Wir fordern daher eine Verankerung im Grundgesetz“, sagt die 19-Jährige, die sich jetzt erst einmal zusammen mit den anderen Organisatoren – Jan Henning Wiese, Nele Tänzer, Tini Körber und Isabell Hjortskov – von der politischen Bühne in Wildeshausen zurückziehen wird. Das Studium ruft.