WILDESHAUSEN - Joachim Gauck steht zwischen den jungen Männern und Frauen der A-capella-Gruppe des Gymnasiums Wildeshausen, durch die Alexanderkirche klingen die Töne der Nationalhymne – so ging am Sonnabend der Vortragsabend mit dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und diesjährigen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck zu Ende. Noch nie vorher habe er das Deutschlandlied in einer Kirche gesungen, verriet er kurz vor Beginn seiner Rede.
Volksbank-Vorstand Frank Ostertag, dessen Institut gemeinsam mitNWZ
und Kirchengemeinde eingeladen hatte, begrüßte Gauck als „Wegbegleiter und Weggefährten der deutschen Einheit“. Auch Pastor Matthias Selke begrüßte den Theologen und erinnerte daran, dass die Einheit nicht eine rein politische Frage sei. Jeder einzelne müsse sich fragen, „was eint mich mit dem anderen?“ BevorNWZ
-Redaktionsleiter Stefan Idel die Biografie von Joachim Gauck darstellte, spielte die Streicherklasse 6B des Gymnasiums Wildeshausen unter der Leitung von Heidi Bovensmann und Werner Stommel.Mit seinem Vortag hat Gauck die mehr als 500 Zuhörer in der voll besetzten Alexanderkirche tief beeindruckt. Frei, ohne Manuskript, skizzierte der 70-jährige das Leben in der DDR. Er erzählte, wie sein Vater mit dem Staat in Konflikt geriet und nach Sibirien verschleppt wurde. Der Bruder durfte nicht zur See fahren, weil er nicht der SED beitreten wollte.
Anhand hypothetischer und realer Biografien machte Gauck aber auch deutlich, wie verführerisch es für Menschen in einer Diktatur wie dem SED-Staat sei, den leichten Weg zu gehen. „Man kann mit den Unterdrückern prima klar kommen, man muss nur ihren Erwartungen entsprechen“, erinnerte Gauck. Je länger eine Diktatur andauere, desto sinnvoller und richtiger erscheine es den Menschen, sich anzupassen. Und nicht nur „Ossis könnten Diktatur“.
Er mahnte die Zuhörer auch daran zu denken, dass die letzte Diktatur im Oldenburger Land noch nicht sehr lange Vergangenheit sei und dass es hier die gleichen Verdrängungsmechanismen geben habe, die jetzt bei manchem zu einer Verklärung der DDR führten. „Schauen Sie mal in den Dorfchroniken – Sie werden immer finden, wer zwischen 1933 und 45 Schützenkönig, nicht aber, wer Ortsbürgermeister war.“
Natürlich wolle er die Unzulänglichkeiten der Politik nicht verschweigen, aber mit etwas Nachdenken könne jeder wundervolle Dinge in diesem Land entdecken: „Wir können dieses Land verlassen, wenn wir es nicht mehr aushalten; wir können die wählen und auch abwählen, die uns regieren; wir können glauben, schreiben und sagen, was wir wollen, und wir haben Gerichte, die uns schützen, wenn uns jemand diese Rechte nehmen will“.
Diese Freiheiten, betonte Gauck, führten zu der besten Gabe, die in den Menschen angelegt sei: „Wir sind fähig zur Verantwortung. Menschen verkümmern, wenn sie diese Fähigkeit nicht leben“, so Gauck. Kein anderes Geschöpf außer dem Menschen habe diese Gabe. Mit dem Satz „Wir sind das Volk“ hätten die Menschen in der DDR selbst die Verantwortung übernommen und erkannt: „Wir können das Leben nicht nur erleiden, wir können es selbst gestalten.“
