Wilhelmshaven/Edinburgh - Schnell, schneller, Niedersachsen: Auf der Suche nach Partnern bei der Umstellung auf eine klimaneutrale Energieerzeugung drückt die Landesregierung aufs Tempo. Schottland war das Ziel einer 80-köpfigen Delegation aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, angeführt von Ministerpräsident Stephan Weil und Europaministerin Birgit Honé (beide SPD). Auf dem Programmzettel: Gespräche mit der Politik, allen voran Regierungschefin Nicola Sturgeon und Energieminister Michael Matheson, und Vertretern aus der Energiebranche.
Und der Nordwesten stand dabei im Blickpunkt.
Die LNG-Terminals
Eine erstklassige Visitenkarte gab Wilhelmshaven ab. Der einzige deutsche Tiefwasserhafen ist optimal geeignet für mehrere Flüssiggas-Terminals. Noch in diesem Jahr soll ein LNG-Tanker als schwimmende Regasifizierungs-Einheit festmachen und das importierte Gas ins Netz einspeisen. Dr. Anna Ernst (36) von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Wilhelmshaven skizzierte bei einer Konferenz zu Erneuerbaren Energien in Edinburgh die Standortvorteile: maritime Industrie, reichlich Flächen, nahe gelegene Erdgasspeicher und geplante Basis für den Import von Wasserstoff, der als saubere Energiequelle gilt. Nigel Holmes, Chef der schottischen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Gesellschaft, zeigte sich beeindruckt. Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Hannover, wies in der Konferenz darauf hin, dass die Planungen für den Import von LNG und grünem Gas in Stade ebenfalls weit gediehen sind.
Warum Schottland?
Weil sieht ein riesiges Potenzial für eine Zusammenarbeit mit Schottland im Bereich Erneuerbare Energien, vor allem durch den Direktimport von Wasserstoff, der über Windenergie erzeugt wird. Die Voraussetzungen für den Ausbau der Windenergie sind günstig: Auf schottischem Terrain misst man eine der höchsten Windgeschwindigkeiten Europas. Die Meeresfläche Schottlands bietet mit über 460 000 Quadratkilometern achtmal mehr Platz für Offshore-Anlagen als in Deutschland. Bis 2030 sollen in Schottland fünf Gigawatt Wasserstoff produziert werden. Weil der Transport per Schiff aber recht teuer ist, brachte Holmes eine Pipeline ins Gespräch, die Schottland und Skandinavien mit dem deutschen Markt verbindet. Ein Vergleich: Eine 5-Megawatt-Offshore-Anlage kann rechnerisch bis zu 6000 Haushalte mit Strom versorgen.
Wie geht es weiter?
Absichtserklärungen oder Lieferverträge wurden in Schottland nicht unterzeichnet. Bereits in Kürze wolle das Land die beteiligten Firmen und Regierungsvertreter beider Seiten zusammenbringen bei einer niedersächsisch-schottischen Energiekonferenz, wie Weil im Gespräch mit dieser Zeitung sagte. „Da ist eine Menge Musik drin.“ Bereits Ende des Monats reist der Regierungschef mit einer Delegation nach Dänemark und Schweden, wo es ebenfalls um Erneuerbare Energien gehen soll. Wilhelmshaven will sich laut Ernst bald bei einem Parlamentarischen Abend in Berlin präsentieren. Dort soll auch eine Studie der Deutschen Energie-Agentur vorgestellt werden. Der Nordwesten sei der Schrittmacher bei der Energiewende, betonte Weil bei der Konferenz in Edinburgh.
Der Mittelstand
Auch die Gräper-Gruppe mit Sitz in Ahlhorn (Kreis Oldenburg), Spezialist für Trafostationen, Betonfertigteile, Elektrotechnik, Metallbau und Kalksandsteinprodukte mit 800 Mitarbeitenden an verschiedenen Standorten, zeigt Interesse am Ausbau der Offshore-Windenergie in Schottland. Als bundesweit zweitgrößter Hersteller und Fullservice-Dienstleister für Trafostationen biete sich durchaus ein Markt, meinte Gräper-Geschäftsführer Jens Peters. Der 60-jährige Kaufmann informierte sich über die Arbeitsbedingungen im Vereinigten Königreich und traf sich in Edinburgh mit dem Vertreter eines schottischen Ingenieurbüros. Nun wolle beim bei Gräper über das weitere Vorgehen beraten.
Mitglieder der Delegation waren auch Gert Stuke, Ehrenpräsident der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK), Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff, Vorstandsvorsitzender des Informatik- und Forschungsinstituts Offis, Prof. Dr. Axel Hahn, Institutsdirektor des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) in Oldenburg und Michael de Reese, Geschäftsführer von Rhenus Ports mit Sitz in Nordenham. Der Termin der Wissenschaftler an der Universität Glasgow platzte, weil die Delegation wegen eines Flugausfalls eher die Rückreise antreten musste. Gleichwohl habe sich der Informationsaustausch in London wie in Edinburgh sehr gelohnt, befand Lehnhoff.
