Bookholzberg - Gesellschaftlicher Zusammenhalt sei zum Modebegriff geworden – doch wie sieht dieser eigentlich genau aus? Mit dieser Eingangsfrage befasste sich der Vortrag „Die Vermessung des Wir-Gefühls“ von Dr. Kai Unzicker. Beim zweiten Stifterabend der Bürgerstiftung Ganderkesee legte der Forscher von der Bertelsmann Stiftung im Berufsförderungswerk Bookholzberg vor rund 40 Gästen dar, dass soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung den Begriff „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ ausmachten.
Anhand von Datenquellen und Studien zeichnete er ein anschauliches Bild über den gesellschaftlichen Wandel im Zeitraum von 1990 bis 2012. Diesbezüglich liege Deutschland im Vergleich zu 34 Ländern im Mittelfeld. An der Spitze stünden die skandinavischen Länder, Schlusslichter seien die osteuropäischen.
Zudem räumte Unzicker auch mit Mythen auf. So schwächten moderne Technik und Einwanderung nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es brauche aber gewisse städtische Grundstrukturen, um diesen aufrechtzuhalten. Armut sei dabei das größte Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In Ganderkesee sei die Kaufkraft jedoch relativ groß, trotz der ländlichen Struktur. Mit der zunehmenden Alterung sinke aber auch die Kaufkraft.
„Wir fühlen uns durch Ihren Vortrag bestätigt, dass Gemeinschaftsgefühl für unsere Gemeinde wichtig ist. Wir denken langsam europäisch und global“, kommentierte Bürgerstiftungsvorsitzender Dr. Hans-Georg Zechel. Als praktisches Beispiel verwies Zechel auf syrische Flüchtlinge, die Obhut und Zuflucht in der Gemeinde gefunden haben. Astrid Fuchs schilderte, wie die Bürgerstiftung dabei praktische Hilfe leistete. „Alle hatten ein Zimmer, ein Bett und etwas zu essen“, berichtete Fuchs. Doch das Gemeinschaftsgefühl fehlte. Zudem brauchten die Flüchtlinge eine Perspektive und wollten sich persönlich weiterbilden. Deshalb organisierte die Bürgerstiftung einen Sprachkursus – unter den Teilnehmern waren auch die syrischen Flüchtlinge Amina Tayeb und Abdulnaser Almohammad. Sie verfolgten ebenfalls den Vortrag. Über das Netzwerk der Bürgerstiftung konnte Fuchs nun den Familiennachzug für Tayeb veranlassen. Auch die Familie von Almohammad solle folgen. „Das ist ein kleines Beispiel für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagte Fuchs.
Der diesjährige Stifterabend wurde dabei offen gestaltet, so dass nicht nur Mitglieder geladen waren. Denn die Bürgerstiftung möchte auch neue, weitere Ganderkeseer zum Mitmachen ansprechen. Es sei schön, wenn sich die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen, so Zechel.
