Neu Delhi - Am Sieg des 71-jährigen Rechtsanwalts Ram Nath Kovind aus der Kaste der einst „unberührbaren“ Dalit gab es schon vor der Wahl keinen Zweifel. Die regierende hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi stellte fast zwei Drittel der 5000 Wahlmänner. Die erste weibliche Parlamentssprecherin Meira Kumar (72), ebenfalls eine Dalit, galt als Kandidatin der oppositionellen Kongresspartei angesichts der übergroßen Mehrheit der BJP chancenlos. Das Ergebnis der Auszählung wird am Donnerstag verkündet.

Als „Kampf der Ideologien“ bezeichnete Ghulam Nabi Azad, Fraktionschef der Kongresspartei in der zweiten Parlamentskammer, am Montag die Kandidaturen von Kovind und Kumat. Das Amt des Präsidenten der Republik Indien ist weitgehend repräsentativer Natur und ohne wirkliche politische Macht. 71 Prozent der Mitglieder des Wahlgremiums sind Multimillionäre; gegen 30 Prozent laufen derzeit Gerichtsverfahren wegen unterschiedlicher Straftaten, wie aus einer Analyse der Zusammensetzung des Wahlkollegiums der indischen „Vereinigung für demokratische Reformen und nationale Wahlbeobachtung“ hervorgeht.

Mit Kovind festigt der hindunationalistische Premier Modi nach einer Serie von Siegen seiner BJP bei Landtagswahlen seine Macht. Schon in jungen Jahren wurde der neue Staatspräsident Mitglied des radikalen hindunationalistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, Nationale Freiwilligenorganisation), deren politischer Arm die BJP ist. Als Gouverneur im Bundesstaat Bihar bezeichnete Kovind vor einigen Jahren das Christentum und den Islam als „wesensfremd“ für Indien. Organisationen wie die RSS sind die Drahtzieher der zunehmenden Gewalt radikaler Hindus gegen Christen und Muslime.

Die Dalit sind eine unterdrückte und ausgebeutete gesellschaftliche Klasse. Gleichzeitig aber sind die 200 Millionen Dalit bei Wahlen inzwischen das Zünglein an der Waage - und werden deshalb von die beiden großen politischen Blöcken BJP und Kongresspartei durch die Nominierung von Dalit zu Präsidentschaftskandidaten umworben. Im politischen Alltag haben die Dalit von beiden Parteien wenig bis nichts zu erwarten. So brachte das von der BJP-Regierung verhängte und vor wenigen Tagen vom Obersten Gericht für zunächst drei Monate aufgehobene Kuhschlachtungsverbot Hunderttausende Dalit um ihren Arbeitsplatz.

Kovind ist nicht der erste Dalit als Hausherr des Präsidentenpalastes Rashtrapati Bhavan. Von 1997 bis 2002 hatte bereits Kocheril Raman Narayanan das höchste Staatsamt inne. Indien ist einer der vielfältigsten Staaten der Welt, was Sprachen, Religionen, Ethnien oder Wertvorstellungen anbelangt. 80 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 14 Prozent Muslime, 2,3 Prozent Christen und 1,9 Prozent Sikhs. Darüber hinaus gibt es kleine Minderheiten an Buddhisten, Dschainas, Bahai oder Parsen.

70 Prozent der indischen Christen sind Dalit. Die zweitgrößte Gruppe sind Adivasi, also Angehörige der Stammesbevölkerung. Zwar ist das indische Kastenwesen laut der Verfassung von 1950 abgeschafft. Dennoch sind die Kastenlosen weiter gesellschaftlich abgehängt. Im Christentum hingegen sind für sie sozialer Aufstieg und Bildung möglich. Radikale Hindu-Vertreter, besonders aus höheren Kasten, wollen soziales und wirtschaftliches Fortkommen von Dalits und Adivasis verhindern. Daraus ergeben sich wachsende religiöse und soziale Spannungen.

Indien führte 1950 für Hindu-Dalits eine 15-Prozent-Quote in Schulen und Einrichtungen des öffentlichen Dienstes sowie freie Bildung ein, um den sozialen Aufstieg der „Unberührbaren“ zu fördern. Die Begünstigungen wurden 1956 auf Sikh-Dalits und 1990 buddhistische Dalits ausgeweitet. Entsprechende Forderungen von christlichen Angehörigen dieser Kaste blieben bislang unerfüllt.