WITTENBERGE - Armut und Arbeitslosigkeit prägen Wittenberge. Voriges Jahr flogen Eier gegen den Kanzler.
Von Angela Gareis
WITTENBERGE - Vor einem Jahr war Bundeskanzler Gerhard Schröder das Objekt der Wut in vielen Orten Ostdeutschlands. In diesem Sommer ist es CSU-Chef Edmund Stoiber. Als der Bundeskanzler im August 2004 nach Wittenberge kommt, um den teuer sanierten Bahnhof einzuweihen, zischen Eier an ihm vorbei. Es sind die ersten Eier, die Gerhard Schröder im Zuge der Proteste gegen seine Reformen fliegen sieht, und es ist kein Zufall, dass sie in Wittenberge fliegen. Denn Armut, Arbeitslosigkeit und Abwanderung prägen die Stadt wie kaum eine andere in Ostdeutschland.Wenn CSU-Chef Edmund Stoiber in diesem Sommer nach Wittenberge käme, wären es vielleicht Tomaten. „Der soll sich mal hertrauen. Danach gibt’s hier keine Tomaten mehr“, sagt Klaus-Dieter Kilian. Er schaut gar nicht böse drein, würde auch selbst keine Tomaten werfen wollen, aber als Taxifahrer kennt er die Stimmung in der Stadt. „Die Leute sind sauer.“
Weil der bayerische Ministerpräsident nicht akzeptieren will, dass erneut der Osten über den künftigen Kanzler entscheide und weil er die Anhänger der Linkspartei als „dümmste Kälber“ bezeichnet hat. Aber Stoiber kommt nicht.
Ohnehin ist Wittenberge eher daran gewöhnt, dass jemand weggeht. Seit der Wiedervereinigung ist ein Drittel der Bevölkerung weggezogen, weil es so wenig Arbeit gibt. Dass die Menschen gehen, hat tiefe Wunden in die Stadt gerissen, die in fast jeder Straße klaffen. Auch im Zentrum an der Bahnstraße lebt man zwischen Ruinen, neben drei gepflegten Häusern stirbt das vierte. Aus eingeschlagenen Fenstern hängen Gardinenfetzen, und Kabel.
Auf der Straße sind wenige Menschen unterwegs, aber wen man auch fragt, man hört immer die gleichen Sätze über Stoiber („Schäbig“), über Schröder („Hat doch nichts für uns getan“), über die Linkspartei („Was soll man sonst wählen?“). Und man hört immer etwas über die Arbeitslosigkeit und diese bittere Ironie: Wittenberge wird in der Filmbranche als preiswerte Kulisse für Szenen aus Krieg und Nachkriegszeit geschätzt.
Vor wenigen Wochen ist wieder mal ein Filmteam abgefahren und hat dieses Gefühl zurückgelassen, diese Mischung aus Scham und Resignation. „Man nennt uns Klein-Babelsberg“ sagt ein Mann, der seinen Namen aus verschiedenen Gründen nicht verraten will. Weil er gerade über die vielen „Penner und Säufer hier“ geredet hat, weil er gerade mit allen etablierten Parteien abgerechnet hat, weil er findet, dass die Bayern sich doch eine neue, eigene Mauer bauen sollen und weil er nicht zu denen gehören will, die über die Verhältnisse stöhnen.
„Wir wollen nicht stöhnen“ – das hört man auch von Rainer Hornig, der mit seiner Frau Maritta die Gaststätte „Am Hafen“ bewirtschaftet. Aber die Tochter ist nach Braunschweig gezogen, der Sohn nach Hannover, und die Gäste unterhalten sich gerade darüber, dass über 1000 Hundertjährige in Brandenburg leben. Immerhin haben die Hornigs noch Gäste, leben von den Familienfeiern und der Stammkundschaft. Diese spreche zurzeit vorwiegend über Stoiber und die alten Zeiten, sagt Hornig: „Die Mauer ist zwar weg, aber in Gedanken wird sie immer größer.“
