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Nwz-Aktion Wo zu Guttenberg auf Pinocchio trifft

Hohenkirchen - Die Brille hat er auf die Nasenspitze rutschen lassen, dann holt Gert Lindemann zum Schlag aus: Zuvor hatte Niedersachsens Agrarminister (CDU) im Schnelldurchlauf über Sozialbeiträge, „Greening“ und produktive Flächennutzung referiert – nun wendet er sich in Richtung Oppositionsbank: „Wenn sie Pinocchio wären, so hätten Sie eine sehr lange Nase“, raunzt der Mann mit der Brille durch den Landtag.

Feines Gespür

Von Seiten der Angesprochenen folgt das übliche Genöhle, die Regierungsparteien applaudieren ihrem Minister. Von den Sitzen im Landtag bleiben auch heute viele leer. Dann reißt die Verbindung ab.

Ortswechsel. Ein Klassenraum in der Oberschule Hohenkirchen. Die gut 20 Schüler der 10b blicken auf den Bildschirm und auf Lehrerin Astrid Wenten. Auf dem Stundenplan steht Politik, heute verfolgen die Schüler die Übertragung einer Landtagssitzung live im Internet. Die 10b ist eine von sieben Klassen der Oberschule, die sich für das NWZ -Projekt „Schüler wählen“ angemeldet hat.

„Fünf oder acht Minuten“, auf diese Länge schätzt Oliver die Redezeit des knorrigen Agrarministers. „Drei Minuten“, korrigiert Astrid Wenten. Die Ausführungen Lindemanns sind nicht das, was man als fesselnd bezeichnen würde.

In der Oberschule geht es zwar auch um Inhalte, Oberthema des Unterrichts ist aber das „Wie“: Wie funktionieren die politischen Institutionen? Aber auch: „Wie gehen die Politiker miteinander um?“

Hier beweisen die jungen Leute Gespür für das politische Tagesgeschehen und die Parameter, anhand derer Politiker agieren: „Die hören einander überhaupt nicht zu und unterhalten sich über drei Tische mit dem Nachbarn.“ Es sind hier nicht zwingend Argumente, die zählen. Oliver: „Alles wirkt abgesprochen.“ Die Wortwahl findet der Schüler teilweise heftig.

Dominik (16) dagegen findet den „Pinocchio“-Ausspruch nicht so schlimm. „Sowas kann mal rausrutschen“, meint auch Eike (16). Was die Vorbildfunktion von Politikern anbelangt, gehen die Meinungen auseinander.

Einigkeit herrscht hingegen bezüglich der leeren Sitzreihen im Parlament. Lea (15): „Wer gewählt ist, sollte auch da sitzen.“ „Wenn die Politiker nicht hingehen, hat man seine Stimme ja umsonst gegeben“, kritisiert Oliver.

Zurück zur Landtagsdebatte, die jetzt wieder über den Bildschirm in den Schulraum flimmert: Nicht nur die Sitze der Politiker, auch die des Publikums bleiben heute meist leer. Warum ist das so?

Hendrik hat des Öfteren versucht, sich Debatten des Bundestags anzuschauen: „Langweilig“, lautet sein Resümee. „Viele sind auch genervt von solchen Geschichten wie um Karl-Theodor zu Guttenberg – auch von der Berichterstattung der Medien“, glaubt Eike.

Was interessiert?

Was also interessiert die jungen Leute in der Politik? Meistens ist es Welt- manchmal aber auch Agrarpolitik. Der grantige Minister Lindemann steht also nicht allein. Auch die schwelende Euro-Krise um Griechenland verfolgen die Schüler.

Kurz nach 13 Uhr, die Doppelstunde ist zu Ende. Am nächsten Montag steht wieder Politik auf dem Stundenplan. Dann wird das mögliche Verbot der NPD hier Thema sein.

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