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37-Jähriger findet Sprengsatz in Wohnung
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Aktualisiert vor 6 Minuten.

Großeinsatz In Friesoythe
37-Jähriger findet Sprengsatz in Wohnung

NWZonline.de Nachrichten Politik

Volkswagens oberster Störfaktor

28.03.2019

Wolfsburg Herbert Diess hat Europas größtem Autobauer VW einen radikalen Umbau verordnet. Mit diesem Kurs eckt der Autoboss an – und nimmt Streit gerne in Kauf.

Es gibt diese Management-Theorie, dass eine Führungskraft sein Unternehmen ständig auf Trab halten soll. Der „positive Störfaktor“ hinterfragt alles und jeden und verhindert so, dass sich Gewohnheiten, Gemütlichkeiten und Alltagstrott im Betrieb breitmachen. Mitarbeiter „aktivieren“ heißt das dann.

Dieser Theorie zufolge ist Herbert Diess ein fantastischer Manager. Denn der Volkswagen-Chef will, dass sich der größte Autohersteller der Welt „neu erfindet“, am besten dauerhaft und immer wieder. Solche Ankündigungen gehören zwar zum rhetorischen Standardrepertoire heutiger Spitzenmanagern. Doch der 60-jährige Österreicher macht Ernst und „aktiviert“ damit gleich einen ganzen Haufen Leute. Bei Volkswagen selbst - und weit darüber hinaus.

Diess und VW, das ist auch ein Kampf der Unternehmenskulturen: Der sportlich, drahtige Manager gilt als „verbindlicher Machertyp“ und „harter Hund“, der Tempo und Leistung einfordert. Die Geschichten, die sein Umfeld über den verheirateten Vater dreier erwachsener Kinder erzählt, handeln demnach auch davon: Dass sich der jetzige Einkommensmillionär (Jahresgehalt: 8 Millionen Euro) sein Traumauto, einen Renault R 5 Alpine, erst mit Anfang 30 leisten konnte. Dass er sich beim Skateboarden mal in voller Fahrt den Arm gebrochen hat und trotzdem weiter boarden ging.

Diess zeigt zudem, dass er keine Berührungsängste mit der New Economy hat, die selbst die Kontrolle in den Autos übernehmen will: Vor wenigen Tagen postet er im Internet ein Selfie mit Amazon-Chef Jeff Bezos. Beide Seiten denken über eine Zusammenarbeit nach.

Diess ist ein Mann, der mit ruhigen Worten und rollendem „r“ unangenehme Botschaften verkündet und offen mit der Behäbigkeit des von ihm gelenkten „Tankers“ VW hadert. Im kleinen Kreis kritisiert er die eigenen Leute und räumt Fehler ein. Regelmäßig beschwert sich der 2015 von BMW zu VW gewechselte Manager über die Verschrobenheiten am Stammsitz Wolfsburg. Das Werk hat über die Jahrzehnte ein teils skurriles Eigenleben entwickelt: So gönnt sich das Werk eine eigene Fleischerei für die VW-Currywurst, eine Gärtnerei und ein werkseigenes Catering, welches intern 62 Euro für die Kanne Kaffee berechnet.

Gleichzeitig fremdeln viele VW-Eigengewächse mit dem als Kostenkiller für die renditeschwache Stammmarke angeheuerten Motorradfan. Denn eine bunte Karriere wie die von Diess wäre innerhalb der hierarchischen Volkswagenwelt kaum denkbar: Der Doktor-Ingenieur arbeitete an der TU München und leitete ein Bosch-Werk in Spanien. Bei BMW saß Diess in der Langfristplanung, führte zwei englische Werke, war Chef der Motorradsparte, Einkaufs- und Entwicklungschef. Was der umtriebige Seiteneinsteiger von den Spitzenkräften seines Konzerns hält, erfahren die gerade hautnah: Diess schickt die 400 ranghöchsten Manager wie anderswo Jungtalente ins Assessment Center. Ab April sollen die Topleute im Trainingslager Führungskraft, Leistung, Motivation und Potenzial unter Beweis stellen. Am Ende gibt es Zeugnisse und die Aussicht, dass für einige die Karriere damit vorbei ist.

Möglich ist ein solcher Konfrontationskurs nur mit Hilfe von ganz oben: Volkswagen-Miteigner Wolfgang Porsche, Österreicher wie Diess, stellt regelmäßig klar, dass er hinter seinem Landsmann steht. Anfang März klagte Porsche über „Verkrustungen“ im Konzern und zu lange Arbeitsplatzgarantien: Über den „Stern“ richtete Porsche dem Betriebsrat auch noch aus, dass Arbeitnehmervertretung nicht „Co-Management“ bedeute. Das ist eine Kampfansage an den mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh und Unterstützung für Diess.

Dass sich der Neue nicht nahtlos in die VW-Welt einfügen will, wurde 2016 klar: Kurz nach dem Start legte sich der ehrgeizige Neuzugang mit einem „Zukunftspakt“ getauften Stellenstreichungsprogramm mit Osterloh an, der „Spiegel“ charakterisierte ihn als „das meistgehasste Vorstandsmitglied von VW“. Doch Diess überstand dank der Eigentümerfamilien Piech/Porsche den Krach und die Versuche, ihn kaltzustellen. Auch die Dieselaffäre, die seinen Protege Ferdinand Piech und Vorstandschef Martin Winterkorn hinwegfegte, konnte Diess bislang nicht beschädigen. Der Zukunftspakt kam und mit ihm dürften 23 000 Stellen alleine in Deutschland verschwinden. „Ich bin nicht der Typ, der so schnell aufgibt“, sagt der Österreicher über sich.

Und er will mehr. Im April 2018 übernimmt der VW-Markenboss den Volkswagen-Chefsessel von Matthias Müller. Der hatte zwar für den Konzern trotz Dieselskandal Milliarden verdient, aber immer wieder mit rhetorischen Fehltritten Unmut ausgelöst: Mal verglich er die Begrenzung von Managergehältern mit den Zuständen in der DDR, mal forderte er das Ende der Steuererleichterungen für den Diesel. Oft stieß Müller mit seiner schroffen Art Menschen ohne Not vor den Kopf: Als Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil im August 2016 das Wolfsburger Stammwerk besucht, lässt Müller den VW-Aufsichtsrat samt Tross nach wenigen Minuten stehen. Wichtige Termine, heißt es anschließend.

So etwas passiert Diess nicht: Für Politiker, Journalisten und Analysten, vor allem aus dem wichtigen Markt China, nimmt sich der Mann immer Zeit für einen kleinen Small Talk. Er blickt seinen Gesprächspartnern in die Augen, hat immer ein nettes Wort oder eine interessierte Frage und weicht auch kritischen Fragen nicht aus. Diess weiß, welche Verbündeten er braucht.

Und das sind einige: Mit der Aussage, dass es keine Alternative zur Elektromobilität gebe und „Technologieoffenheit jetzt die falsche Parole“ sei, versetzte Diess am 12. März die ganze Automobilbranche und die Politik dazu in Aufruhr. Denn plötzlich geht es um mehr als die strategische Ausrichtung eines Unternehmens: Es geht darum, auf welchen Antrieb die Gesellschaft im Individualverkehr setzt, welche Autos die Politik fördert, wo wie viele Ladesäulen stehen und welche Techniken offiziell zu Sackgassen erklärt werden.

Diess mag seine Vorstellungen mitunter diplomatischer formulieren als Müller, in der Sache ist er knallhart: Die Branche stehe vor der größten Umwälzung seiner Geschichte, predigt der Manager unablässig. Für den nötigen Umbau des VW-Riesen brauche er Milliarden, die das Unternehmen selbst verdienen müsse. Deshalb schraubt Diess die Anforderungen an Rendite und Aktienkurs nach oben. Und kauft Mitte März mal eben für zwei Millionen Euro VW-Aktien.

Mit dem Kurs Richtung E-Mobilität riskiert der VW-Boss nicht nur den Krach mit anderen Autobauern und Zulieferern. Er stößt auch Politiker vor den Kopf, die sich für Wasserstoffantriebe aussprechen. Darüber könne man nachdenken, wenn einem die erneuerbaren Energien „zu den Ohren herauskommen“, sagt Diess. Von den neuen Stellenabbauplänen des Vorstandschefs erfuhr Niedersachsens Landesregierung als Großaktionär aus den Medien. Entsprechend verschnupft reagierte die Staatskanzlei in Hannover. Dabei sind die 7000 Stellen, die bei der Kernmarke wegfallen sollen, nur ein Anfang: Weitere Jobs stehen bei anderen Konzerntöchtern im Feuer, sowohl bei der Finanzsparte als auch bei der einstigen Ertragsperle Audi. Vor Bankanalysten wird der Vorstand deutlich: Diess fordere „Headcount“, es werde „Rauch“ über der Markenzentrale Ingolstadt geben, berichten Teilnehmer später.

Intern überzieht Diess mit seiner Forderung nach mehr Gewinn auch: „Ebit macht frei“, sagt der Chef bei einem Führungskräftetreffen, Ebit bezeichnet grob den operativen Gewinn, die Formulierung erinnerte Teilnehmer aber an „Arbeit macht frei“ - den Spruch, den die Nationalsozialisten über die Tore von Konzentrationslagern anbrachten. Diess entschuldigte sich zwar umgehend, Investoren reagierten trotzdem verstört.

Die Analysten haben sich mittlerweile beruhigt. Betriebsrat, Belegschaft, Branche und Gesellschaft noch lange nicht. Bei VW herrscht Unruhe. Und das dürfte dem Störfaktor-Chef gefallen. Denn es „aktiviert“.

Klaus Wieschemeyer Korrespondent / Redaktion Hannover
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