Zetel - „Es ist eine Weltreise, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Grabstede zum Vareler Krankenhaus zu kommen“, sagte Walter Daxl vom Seniorenbeirat Bockhorn. Eine Fahrt mit dem Taxi sei nicht für jeden bezahlbar. Damit traf er den Nerv vieler Gäste beim „Gespräch im neuen Jahr“ des SPD-Ortsvereins Zetel. Das Thema lautete am Freitagabend im Wehdehof: „Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)“.
Moderatorin Carola Schede diskutierte darüber mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Siemtje Möller, dem niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies und Frieslands Landrat Sven Ambrosy. Alle sind sich einig: Die Busverbindungen sind miserabel. Mit Publikumsbeiträgen berichteten Zuhörer von ihren Erfahrungen auf dem Weg zur Arbeit, zum Arzt oder zu Veranstaltungen. Möller sagte: „In etwas über vier Stunden bin ich mit dem Zug am Berliner Hauptbahnhof, das klappt ganz gut, aber hier zu der Veranstaltung von Varel nach Zetel zu kommen, ging nicht ohne Auto.“
Sie sprach auch von Umwelt- und Klimazielen, Verkehrs- und Energiewende und darüber, dass mehr Frauen in Parlamente sollen. „Das sind Zukunftsthemen auf Bundesebene.“ Sie berichtete außerdem von der Klausurtagung des Landesvorstandes der SPD Niedersachsen, die ebenfalls am Freitag stattfand. Es ging darum, welche Handlungsmöglichkeiten sich für die SPD als Partei eines starken, handlungsfähigen Staates ergeben, wenn die Felder Energie, Digitalisierung, und Infrastruktur gestaltet werden wollen. „Es waren spannende, ideenreiche Diskussionen mit tollen Menschen“, befand die Bundestagsabgeordnete.
ÖPNV für Klimaschutz
Umweltminister Olaf Lies erzählte von seinem Arbeitsort Hannover. „Beim Nahverkehr brauch’ ich keinen Fahrplan, nach einigen Minuten kommt die nächste Bahn – das hätten wir hier auch gern.“ Angesichts zunehmender Wetterextreme sei auch ein gut funktionierender ÖPNV wichtig, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Und Mobilität sei der Schlüssel für den zukunftsfähigen ländlichen Raum, gerade für diejenigen, die noch keinen Führerschein haben oder ihn nicht mehr nutzen können oder wollen. „Unser jetziger Busverkehr ist ja eigentlich nur der Schülerverkehr, doch wir brauchen einen vernünftigen ÖPNV“, sagte Landrat Sven Ambrosy. Siemtje Möller verkündete gute Nachrichten: Der Bund verdreifache seine Ausgaben für die Finanzierung des ÖPNV.
Busfahrer fehlen
Dazu werden auch mehr Busfahrer benötigt. „Irgendwann werden die Kinder den Bus zur Schule schieben“, sagte Busunternehmer Rolf Ehlers, der Löhne weit über Mindestlohn zahle und trotzdem keine Fahrer finde. Und ein Fahrlehrer fragte: „Warum muss eine Busfahrerausbildung über 10 000 Euro kosten?“
Alle wünschen sich mehr öffentlichen Nahverkehr in der Region, umgesetzt als Angebotsmix aus Schienenverkehr, einem ausgeklügelten Busnetz und per Smartphone-App gesteuerten Rufsammeltaxis – umweltfreundlich und barrierefrei. Und eventuell sogar kostenlos. Dazu sagte der Bürgermeister der Gemeinde Wangerland, Björn Mühlena: „Wir retten Banken, warum sollte man nicht auch den ÖPNV unterstützen?“ Dies könne ein Beitrag zur Daseinsvorsorge sein, so wie bei Schulen, wo auch Leute ohne Kinder das Schulsystem finanzieren.
Fakt ist: Noch ist mancher ohne Auto vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. „Aber wir wollen jetzt einen vernünftigen ÖPNV organisieren“, sagte Sven Ambrosy. Dazu hat der Landkreis einen Entwurf für einen Nahverkehrsplan entwickelt. Von Dörfern soll es regelmäßig im Zweistundentakt Busverbindungen zu den Grundzentren, wie Bockhorn oder Zetel und Sande geben. Von dort werden die Mittelzentren, Jever und Varel, stündlich angefahren und von da aus die Oberzentren Wilhelmshaven und Oldenburg. Per Smartphone – wenn dann mal die Funklöcher beseitigt sind – wird über Fahrplanabweichungen informiert.
Dazu soll es ein verständliches und bezahlbares Tarifsystem geben. „Das ist ein Riesenprojekt und wird nicht einfach“, so der Landrat. Um darüber mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen sind Veranstaltungen geplant, am 17. Januar im Kreisdienstleistungszentrum Varel und am 22. Januar im Bürgerhaus Schortens, jeweils um 17 Uhr.
