Apen/Oldenburg - Christin Stalling sitzt mit einer heißen Tasse Kaffee in ihrem in grau- und sandtönen gehaltenen Wohnzimmer. Ihre Tochter Emma fährt mit pink leuchtenden Inlineskates über den Holzboden. Ein Weihnachtsgeschenk, freut sich die Fünfjährige. Die 28-Jährige lacht, ihr Sohn Lennard, sechs Jahre, hat gerade Besuch von einem Freund. Schließlich schickt sie die Kinder in den ersten Stock zum Spielen.
Für die nächsten eineinhalb Stunden ist die alleinerziehende Mutter, blonde Haare, schlanke Figur, Miss Niedersachsen. Den Titel hat die Immobilienkauffrau seit 8. Dezember vergangenen Jahres offiziell inne.
„Jetzt mache ich mal etwas für mich“, sagt Christin Stalling. Ende Januar startet das dreiwöchige Camp im Europa-Park Rust und in Soma Bay (Ägypten). Es wird das erste Mal sein, dass sie ihre Kinder für eine so lange Zeit allein lässt. „Aktuell bin ich noch total im Alltag und das alles ist noch weit weg“, sagt sie. Oftmals denke sie überhaupt nicht an ihren neuen Titel. „Ich muss noch viele Listen schreiben, um an alles zu denken – je näher die Wahl rückt, desto aufregender wird es natürlich.“
Unabhängigkeit wichtig
Doch von vorn. Bereits vor fünf Jahren hat Christin Stalling, die seit drei Jahren wieder in ihrer Heimat in Apen im Ammerland wohnt, an einer bundesweiten Misswahl des Modeunternehmens „Ernsting’s Family“ teilgenommen – und gewonnen.
„Eigentlich bewirbt man sich nach solchen Wettbewerbe bei Agenturen, aber die haben ihren Sitz meistens in großen Städten wie Hamburg oder Köln“, sagt sie. „Das war neben den Kids und der Arbeit nicht möglich.“ Mit ihren 1,73 Metern sei sie außerdem auch drei Zentimeter zu klein für die großen Namen der Branche.
Also schob die zweifache Mutter den Gedanken beiseite. „Ich habe einen festen Job und der ist mir auch wichtig, um unabhängig zu sein. Schließlich habe ich Verantwortung gegenüber meinen Kids.“ Und seit 2015 auch für ihre Trakehnerstute Libelle, 19 Jahre.
Beim Stöbern im Internet landete Christin Stalling dann im vergangenen Sommer auf der neuen Homepage der Miss Germany Corporation, die ihren Sitz in Oldenburg hat. „Die Teilnahmebedingungen waren geändert worden“, erzählt sie. Waren früher nur unverheiratete, kinderlose Frauen gefragt, die zudem im Bikini über den Laufsteg flanierten, ist der Modus seit vergangenem Jahr verändert worden. „Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.“
Schließlich meldete sie sich an, ließ sogar eine Fotografin neue Fotos von sich schießen. „Wenn, dann wollte ich das auch richtig angehen“, sagt die Powerfrau.
„Ich habe kaum jemandem von meiner Teilnahme erzählt.“ Sie wollte sich keinen Druck machen. Ende September dann die Nachricht: Christin Stalling hatte es unter die Top 16 geschafft. Ein Erfahrungs-Camp mit Shootings und Interviews in Hamburg folgte. Nach einem Online-Voting befand sich die Ammerländerin in den Top 10. „Ich habe alle Freundinnen gebeten, für mich zu stimmen.“ Eine Woche lang war eine zweite Online-Wahl offen.
Die nächste Überraschung folgte an einem Donnerstag. „Ich saß im Büro in Emden“, erinnert sich die Miss. Ihre Auszubildende verließ das Büro zu einem angeblichen Arzttermin. Und kam nur wenig später mit Luftballons wieder. „Hinter ihr standen die Verantwortlichen von Miss Germany und auch ein Kamerateam – ich habe nur noch geweint.“ Vier Tage später fuhr sie mit ihrer Familie nach Frankfurt zur offiziellen Miss-Niedersachsen-Ernennung. Ein Freund der Familie passte auf ihre Kinder auf. „Meine Eltern und Freunde sind eine große Unterstützung – ich wüsste gar nicht, wie es ohne sie gehen sollte.“
Seither hat sich schon einiges geändert. „Ich hatte viele Interviewtermine“, sagt Christin Stalling. Aufgaben habe sie bislang noch nicht bekommen. „Einiges wird sich sicher auch mit dem Camp im Januar und Februar ergeben.“
Seit vergangenem Sommer dürfen alle Frauen im Alter zwischen 18 und 39 an der Wahl zur Miss Germany teilnehmen – auch verheiratet und mit Kindern. Der Bikini-Walk wurde gestrichen.
Vor dem Finale findet ab dem 25. Januar ein dreiwöchiges Persönlichkeits-Camp im Europa-Park Rust sowie in Soma Bay (Ägypten) statt.
Die Miss Germany-Wahl, die in diesem Jahr unter dem Motto „Empowering Authentic Women“ steht, findet am Samstag, 15. Februar, im Europa-Park Rust statt. Dabei präsentieren sich die Finalistinnen in mehreren Wertungsdurchgängen, in Videos und persönlich am Mikrofon. Die Moderation übernehmen Jana und Thore Schölermann.
Hat es auch schon Kritik an ihrem neuen Titel gegeben? „Neulich wurde ich über die sozialen Medien gefragt, ob ich mir mehr Chancen ausrechnen würde, weil ich Mutter bin und meine Kinder auch auf Instagram zeige“, erzählt die Miss Niedersachsen und schüttelt lachend den Kopf. „Klar habe ich durch die Kinder eine andere Lebenserfahrung und eventuell andere Prioritäten. Ich bin Mama. Mich gibt’s nicht ohne Kinder. Aber darum sollte es nicht gehen – das gehört einfach zu mir.“ Andere Missen würden sich zum Beispiel für Umweltschutz einsetzen und das öffentlich machen. „Eigentlich ist es schön, dass wir unsere Geschichte teilen dürfen – so haben wir alle schon gewonnen“, sagt Christin Stalling, die in ihrer neuen Rolle anderen Frauen Mut machen möchte. „Ich hatte auch immer wieder Selbstzweifel, dabei können wir Frauen alles schaffen – wir dürfen uns nicht unterkriegen, nicht kleinmachen lassen.“ Auch das Thema Selbstliebe ist ihr wichtig. „Wir sind schön, so wie wir sind“, sagt sie mit Nachdruck.
Zeit genießen
In diesem Moment klopft es an der Tür und Emma erscheint. „Mami, darf ich noch ein paar Gummibärchen?“, fragt sie. Christin Stalling zählt acht Fruchtgummis ab und reicht sie ihrer Tochter. „Kinder geben einem viel Kraft, auch wenn es manchmal anstrengend ist und ich immer unter Strom stehe“, sagt die Mutter. „Sie haben keine Vorurteile und zeigen einem, was wirklich wichtig ist: Gesundheit und Familie.“
Lesen Sie auch : Zweifache Mutter im Finale
Deswegen versucht Christin Stalling, dem näher rückenden Finale gelassen entgegenzublicken. „Es ist schön, dass ich überhaupt die Miss Niedersachsen sein darf. Ich kenne die anderen Mädels – jede hat es verdient, zu gewinnen. Trotzdem wäre es schön, wenn das klappt mit dem Titel“, sagt sie. Noch nie war sie drei Wochen von ihren Kindern getrennt. „Ich werde aber versuchen, die Zeit zu genießen.“
Mehr Infos zur Miss-Germany Wahl : missgermany.de/
