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Augustfehner Bietet Schlafplatz Eine Couch für die ganze Welt

Ingo Schmidt

Augustfehn I - Im Herbst 2015 erfüllte sich Niklas Thiede einen Lebenstraum. Er brach auf, um ein Jahr lang durch Australien zu reisen und sich dort mit Jobs finanziell über Wasser zu halten. „Work & Travel“ heißt das Programm, das es jungen Reisenden ermöglicht, für längere Zeit im Ausland zu bleiben und Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. „Für mich sollte es eine Neuorientierung im Leben werden“, sagt der 28-Jährige. Und so kam es auch.

Während seiner Ausbildung zum Vermessungstechniker hatte Thiede ordentlich gespart. „Ein paar tausend Euro waren aus meiner Zeit als Geselle übrig“, erinnert er sich. Dann, im Herbst 2015, setzte er sich in den Flieger nach „Down Under“. Anfangs lief es prima, die Kosten für die Hostels, in denen er wohnte, rund 150 Dollar (90 Euro) die Woche, waren kein Problem. Nur mit der Arbeit klappte es nicht so richtig. „Die goldenen Jobs waren nicht dabei“, erzählt der Augustfehner. Unter anderem half er bei der Obsternte, wurde dort pro Eimer bezahlt.

Keine Ersparnisse mehr

Dann, im Februar 2016, ging ihm langsam das Ersparte aus. „Egal, was ich gemacht habe, die Wochenbilanz war immer schlecht“, sagt Niklas Thiede über das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben. Er musste etwas ändern. „Da habe ich angefangen, mich mit Couchsurfing zu beschäftigen.“ Er legte auf einer Internetplattform, die sich auf das kostenlose Übernachten bei fremden Menschen spezialisiert hat, ein Profil an und begann, Anfragen zu stellen. „Ich musste ja sparen“, blickt der Student zurück.

Was ist Couchsurfing?

Beim Couchsurfing geht es darum, in aller Welt kostenlos bei anderen Menschen zu übernachten.Der Vorteil besteht darin, dass es einerseits kostenlos ist, man andererseits aber direkten Kontakt zu Einheimischen hat, die gute Tipps geben können.

Auf der Internetseite www.couchsurfing.com kann man sich anmelden und ein ausführliches Profil anlegen, um mit anderen Nutzern auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten.

Aber auch Vorsicht ist geboten, deshalb ist es wichtig, die Beurteilungen anderer Gäste zu lesen.

Es gibt verschiedene Funktionen. Neben Anfragen kann man auch seine Reiseroute veröffentlichen und sich einladen lassen. Zudem kann man auch nach Leuten suchen, die Lust haben, an einem bestimmten Ort, an dem man sich gerade befindet, etwas gemeinsam zu unternehmen.

„Plötzlich meldete sich ein Barry bei mir“, schildert Thiede seinen ersten Schritt ins Leben als Couchsurfer. „Ich schaute mir sein Profil an, er war ein älterer Herr, und sprach mit ihm ab, dass er mich am Hostel abholt.“ Schon nach der Ankunft bei dem Australier wurde deutlich, dass das Couchsurfing Niklas Thiedes Ding sein könnte. „Ich war nicht allein dort, sondern auch ein polnisches Pärchen war bei ihm untergekommen. Wir haben direkt was unternommen, eine Ortstour gemacht und so weiter“, zeigt sich der 28-Jährige noch heute begeistert. Er blieb, nach vorheriger Absprache, eine Woche dort.

Etwas zurückgeben

Per Anhalter machte sich der angehende Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Geoinformation auf den Weg über Melbourne nach Sydney, wo ihn ein gebürtiger Philipino aufnahm. „Von ihm bekam ich nach meiner Tortur etwas landestypisches zu Essen und konnte einen Tag lang ausspannen.“ Dann reiste er weiter, zurück nach Melbourne. „Ein Wedding-Planner mit richtig viel Geld nahm mich auf. So gut hatte ich gefühlt seit Monaten nicht gegessen“, denkt Niklas Thiede zurück.

So ging es die nächsten Monate weiter, denn längst hatte der junge Mann die offenkundigen Vorteile des Couchsurfings für sich entdeckt: „Die Einheimischen können einem doch viel mehr darüber erzählen, was so los ist in der Stadt. Sie zeigen Dir Geheimecken, die Touristen nicht kennen, und wissen, wo man abgezockt wird.“ Aber natürlich findet man nicht immer was, schränkt Thiede ein. In Tasmanien kaufte er sich ein billiges Auto. „Darin befand sich dann mein ganzes Leben“, sagt er.

Schließlich, zurück in Melbourne, klappte es auch mit den guten Jobs. Nach fast einem Jahr kehrte er nach Deutschland zurück. „Da entwickelte ich den Wunsch, eines Tages etwas zurückzugeben, wenn auch nicht an die Leute, bei denen ich wohnen durfte.“ Fortan bot er auch bei sich einen Schlafplatz an – und das, obwohl er selbst noch überhaupt keinen Platz hatte.

Der erste Gast, den es nach Augustfehn verschlug, war ein US-Amerikaner. „Wir hatten ihn auf einem Rückflug aus Amerika kennengelernt“, erzählt Niklas Thiede. „Als er später eine Europatour plante, bekam ich über das Internet-Portal eine Anfrage von ihm.“ Dann lacht er. „Weil ich keinen Platz hatte, habe ich ihn einfach bei meinen Eltern abgestellt.“ Noch heute sei er dankbar, dass die so anstandslos mitgemacht hätten. „Wir waren dann mit ihm auf dem Zeteler Markt, was ja auch so ein Erlebnis ist, das man ohne Einheimische nie kennenlernen würde“, fügt Thiede an.

Norweger in Augustfehn

Der zweite Gast, der auf sein Couchsurfing-Profil reagierte, war ein Journalist aus Bayern, der mit dem Geschäftsmann Dieter Börjes ein Interview für ein Motorradmagazin führen wollte. „Ich habe ihm eine Zusage gegeben, ihn vom Augustfehner Bahnhof abgeholt und auch zu meinen Eltern gebracht“, sagt Niklas Thiede und lacht erneut. „Meine Bude war dafür eben noch nicht geeignet.“

Inzwischen sieht das ganz anders aus. Mit einem Freund bewohnt der Couchsurfer eine geräumige Wohngemeinschaft in Augustfehn, nur drei Straßen entfernt von den Eltern. Hier gibt es auch eine raumgreifende Sofaecke, die Übernachtungsgästen aus aller Welt zur Verfügung steht. Zum ersten Mal wurde diese während der Sport-Olympiade in Westerstede eingeweiht, an der Niklas Thiede teilnahm. Am Abend bekam er eine Nachricht: „Lieber Niklas“, hieß es dort, „wir machen eine Radtour durch Europa und würden gern bei dir übernachten“.

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„Ich gab ihnen meine Adresse und meine Nummer, doch im Verlauf des weiteren Abends vergaß ich die Anfrage völlig“, erzählt der Student. „Gegen 23 Uhr bekam ich dann einen Anruf, dass sie in der Nähe sind, und bin ganz schnell nach Hause gefahren.“ Vier Norweger, 22 bis 24 Jahre alt, standen kurz später vor der Tür. Ihr Ziel: Belgien. „Wir haben dann noch ein Bierchen getrunken, ich habe mein Teleskop aufgebaut und sie haben sich am Ende im Wohnzimmer verteilt.“ Thiede resümiert: „Couchsurfing macht Spaß, auch wenn man es finanziell nicht nötig hat – und ich helfe immer gern.“

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