Cloppenburg - Der Schauspieler Artjom Gilz ist in Cloppenburg aufgewachsen und hat hier 2006 sein Abitur gemacht. Zuletzt war er als einer der Hauptcharaktere in der Medizin-Serie „Charité“ zu sehen, die zu Zeiten des zweiten Weltkriegs spielt. Unsere Zeitung hat sich mit dem Wahlberliner, der immer noch gerne in die Heimat zurückkehrt, über Hollywood, historische Filmkulissen und eine Karriere als Kommissar im Bremen Tatort unterhalten.
Frage: Hollywood oder Cloppenburg – was ist dir lieber?
Artjom Gliz: Also ich glaube mir wäre ein Mix aus beiden ganz lieb. Ja ich glaube, das ist ganz gut. So glamouröses Cloppenburg und familiäres Hollywood, das wäre irgendwie schön.
Frage: Was kommt dir in den Sinn, wenn du an Cloppenburg denkst?
Artjom Gliz: Ganz ehrlich, gerade der Eberborgbrunnen (Anm. d. Red: da hatten wir kurz vorher ein Foto gemacht). Aber das Erste, was mir wirklich in den Kopf kommen würde, wären alte Freundschaften und eine coole Kindheit.
Frage: Wie häufig bist du noch hier?
Artjom Gliz: Relativ häufig. So alle zwei bis drei Monate. Also ehrlich gesagt immer dann, wenn es sich irgendwie ergibt.
Frage: Wirst du oft auf der Straße erkannt?
Artjom Gliz: Permanent, ständig (lacht). Ne ehrlich gesagt seltener als man glaubt – wer auch immer das glauben mag. Ab und zu kommt es mal vor. Ich wurde neulich in der Nordwest-Bahn erkannt, glaube ich. Die Blicke haben sich auf jeden Fall zu mir umgedreht. Ich weiß aber auch gar nicht, ob es an mich gerichtet war, vielleicht war da auch jemand anderes.
Frage: Du warst in deiner Jugend auch im Kampfsport aktiv, wie kam es dazu?
Artjom Gliz: Zum Kampfsport kam es glaube ich, weil ich ein ziemlich aktives Kind war. Also ich hatte es faustdick hinter den Ohren und ich war relativ unruhig. Da haben mich meine Eltern zum Kampfsport beim Sportstudio Böckmann gegeben.
Frage: Das hast du auch relativ erfolgreich gemacht oder?
Artjom Gliz: Ja, es hat mir auf jeden Fall viel Spaß gemacht.
Frage: Bist du heute noch aktiv?
Artjom Gliz: Ja, jein. Also ich mache es immer mal wieder, aber ehrlich gesagt nicht mehr so regelmäßig. Ich bin umgeschwenkt zu Beachvolleyball und anderen Sportarten und irgendwie so ein bisschen weg. Ich weiß gar nicht so ganz genau warum. Ich glaub in Berlin habe ich den richtigen Verein nicht gefunden. Ne ich kann’s dir gar nicht erklären. Ich mag‘s immer noch sehr sehr gerne, aber ich mach‘s eben nicht mehr so häufig.
Nach dem Abi raus aus der Kleinstadt
Frage: Nach dem Abi 2006 bist du weg aus Cloppenburg. War das auch die Idee: Raus aus der Kleinstadt und mal was Neues erleben?
Artjom Gliz: Ja doch, ich bin damals nach Berlin gegangen für mein Studium. Ich glaube ich habe mir das Studium ausgesucht, weil ich gerne was international machen wollte. Das war ein dualer Studiengang, eine Kooperation zwischen Berlin und England und deswegen bin ich nach Berlin gegangen.
Frage: Hattest du da schon die Schauspielerei im Hinterkopf?
Artjom Gliz: So ganz und gar nicht ehrlich gesagt. Das kam ein bisschen später, so während des Studiums. Als ich dann angefangen habe Werbung zu drehen, um mir das Studium zu finanzieren. Und das irgendwie ganz cool fand vor der Kamera zu stehen. Dann habe ich ein paar Kurse in Berlin gemacht, und war danach im Ausland für eine Ausbildung. Das Ganze hat sich ganz schön angefühlt und bereitet mir mehr Freude, als im Büro vor einer Excel-Tabelle zu sitzen. Was natürlich auch Spaß machen kann, aber das hat mich nicht so getrieben.
Frage: Wie muss ich mir das vorstellen, wie läuft so eine „Auftragsvergabe“ an die Schauspieler?
Artjom Gliz: Also es gibt ein Drehbuch und im Buch sind gewisse Rollen ausgeschrieben. Das sind die Figuren, die besetzt werden. Dann wird das Ganze an eine Castingagentur gegeben und die fragt dann entweder direkt bei Schauspielagenturen an – ich bin in so einer Schauspielagentur. Oder sie schreibt Rollen aus und die Agenturen schlagen Schauspieler vor. Danach geht’s zum Casting, dann meistens zum zweiten Casting, und manchmal auch zum Dritten. Und wenn man dann der Richtige oder die Richtige ist, bekommt man die Rolle. Manchmal passiert es auch, dass man die Rolle so bekommt, weil man mit Regie oder Produktion schon mal zusammengearbeitet hat oder ein Interesse an einer Zusammenarbeit besteht.
Die Serie „Charité“
Frage: Die letzte große Produktion, in der du mitgespielt hast, war ja die Serie Charité. Wie bereitet man sich auf so eine historische Rolle vor? Wird da alles im Drehbuch mitgeliefert oder muss man sich die Rolle selber erarbeiten?
Artjom Gliz: Teils, teils. Natürlich schafft das Drehbuch die Rahmenbedingungen und man hangelt sich an den Fakten des Buches lang. Dann habe ich mir Filme aus der damaligen Zeit angeguckt. Es gibt einen Film über Sauerbruch, der ist in den 50er Jahre entstanden, und da merkt man noch, was für eine Haltung die Leute hatten. Alles ist ein bisschen aufrechter, die Sprache ist strenger. Das habe ich als Inspiration genommen. Trotz aller Drehbuchfakten, arbeitet man natürlich das Innenleben der Figur und die Verhältnisse aus, in diesem Fall zu der Frau, zu dem Kind, zum Beruflichen und so weiter.
Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz, M.) bringt seine hochschwangere Frau Anni in die Charite. Foto: Julie Vrabelova/ARD/dpa
Frage: Wie ist es für einen selber, wenn man jemanden spielt, mit dem man sich nicht unbedingt so identifizieren kann? Ihr habt ja auch in einer Zeit gespielt, von der man nicht weiß, wie man selber reagiert hätte. Wie ist es, so jemanden zu spielen?
Artjom Gliz: Ziemlich anspruchsvoll. Es ist wirklich komisch. Weil man sich wie du schon sagst, die Frage stellt, wie hätte ich reagiert, was würde ich machen, was für ein Held wäre ich, wie stark wäre ich in solchen Alltagssituationen? Und davon ausgehend habe ich versucht, mich an Werten zu orientieren, die der Figur wichtig sind, hier die Karriere und der Forschungssinn. Also sprich wenn es jemand ist, der wirklich der Forschung verschrieben ist und so ideologisiert war, wie würde so eine Person das tun, was sie im Buch tut. Die äußeren Rahmenbedingungen (die damalige Ideologie) werden dann darüber gestülpt und die Handlungen der Figur erscheinen uns aus heutiger Sicht völlig verkehrt. Menschenrechtlich waren diese Handlungen natürlich auch damals schon absolut falsch. Aber, wie auch wir uns heute unserer ethischen Einordnung meist nicht vollkommen bewusst sind und nicht alle Handlungen hinterfragen, tut es die Figur eben auch nicht. Sie handelt einfach, ohne zu wissen, wie sehr diese Handlung durchtränkt ist mit dem Geist der Zeit.
Frage: Ist es anspruchsvoller oder anstrengender so eine Rolle zu spielen als beispielsweise in der Serie „Milk & Honey“, die nicht historisch ist?
Artjom Gliz: Anstrengender im emotionalen Sinne schon. Es gibt so eine Situation, da hat meine Figur eben aus diesem Forschungsgedanken heraus auf der Suche nach einer Tuberkulose-Impfung Experimente an behinderten Kindern durchgeführt. Und es gab einen Drehtag, da haben wir in einer Kinderklinik, die nachgestellt war, mit behinderten Kindern gedreht. Das war glaube ich einer der schwierigsten Drehtage, die ich je hatte. Ich habe die Kinder vorher kennenlernen dürfen, und alle waren so wahnsinnig herzlich. Da hatte ich im Kopf, dass wir sie so einer krassen Situation aussetzen. Es wurde sich wunderbar um die Kinder gekümmert, und es wurde immer sichergestellt dass es ihnen gut geht. Aber allein dieses Bewusstsein zu haben: Ich geh da jetzt rein und – ich weiß auch nicht, das war krass irgendwie – und muss spielen, dass ich diesen Kindern eine Spritze setze und dass ich mit denen ganz normal umgehe, aber eigentlich weiß, dass die alle sterben werden. Das war schon sehr krass.
Bierernst oder mit Humor?
Frage: Wie ist es sonst so an so einem Set, wird da noch gelacht?
Artjom Gliz: Ja, natürlich nicht in allen Situationen. Aber ich glaube, ohne Humor geht es gar nicht. Und ich glaube in den dunkelsten Stunden oder Zeiten hilft einem das Lachen und Humor, um sie in irgendeiner Art und Weise zu überwinden. Und es wäre auch schwierig diesen Beruf auszuüben, wenn man eben am Set nicht lachen könnte. Wie gesagt, das geht nicht immer. In dieser besagten Situation mit den Kindern wurde nicht so viel gelacht. Das hat man schon am ganzen Set gemerkt, das ganze Team war sehr angespannt. Aber da gibt es andere Situationen, wo mal was schief läuft oder ein witziger Spruch kommt, und da wird auch gelacht.
Frage: Wie war das für dich an so einem Set mit großer, historischer Kulisse und auch bekannten Schauspielern?
Artjom Gliz: Aufregend, es war wirklich aufregend. Die Kulisse war so toll gemacht. Wir haben in Prag gedreht, in einem alten Krankenhaus, was hergerichtet wurde und wo dann alte Instrumente standen. Man stand dann da in seinem Kostüm und musste gar nicht mehr so viel dazu tun. Das war schon echt spannend.
Frage: In Bremen hat sich ja gerade das Tatort-Duo verabschiedet. Wäre das noch eine Rolle für dich?
Artjom Gliz: Bestimmt, ich spiel jetzt demnächst das erste Mal einen Polizisten. Ich hab noch nie einen Polizisten gespielt. Und wenn mir das taugt, klar. Warum nicht?
Frage: Was sind die nächsten Projekte?
Artjom Gliz: Gerade ist das eine ZDF-neo-Serie, die heißt Dunkelstadt. Das ist ein bisschen Film-noir-mäßig, eine Detektivgeschichte und ich spiele den guten Cop.
„Bösewicht macht mehr Spaß“
Frage: Ist es einfacher, sich in eine für einen selber positive Rolle hineinzuversetzen?
Artjom Gliz: Ich kann ja keine Rolle verurteilen. Ich kann auch keinen Arthur Waldhausen verurteilen, sonst kann ich sie nicht spielen. Ich versuche immer, die positiven Aspekte oder den Gedankengang nachzuvollziehen, den diese Figur hat. Ehrlich gesagt macht es meistens mehr Spaß, einen Bösewicht zu spielen, weil man das im echten Leben nicht so häufig tut. Weil man Grenzen überschreitet, die man sonst nicht überschreiten würde.
Die Schauspieler Artjom Gilz (von links), Jannik Schuemann, Mala Emde, Ulrich Noethen und Luise Wolfram bei der Filmpremiere der Serie Charité. Foto: Annette Riedl/dpa
Frage: Gibt es noch eine Traumrolle oder einen Kollegen oder eine Kollegin, mit dem oder der du gerne mal zusammen spielen würdest?
Artjom Gliz: Es gibt ehrlich gesagt so viele, die ich wirklich toll finde. Auch in Deutschland. Gerade kommt so ein toller Nachwuchs, und es kommen wirklich coole Projekte. Ich würde mich auf sehr sehr viele freuen. Und ich würde mich auch auf Hollywood freuen. Doch es gibt schon den einen oder anderen, mit dem ich gerne mal spielen würde.
Frage: Kommt es für dich mal in Frage, ins Nest Cloppenburg zurück zu kehren.
Artjom Gliz: Jetzt gerade kann ich es mir nicht so richtig vorstellen. Einfach auch berufsbedingt. Aber ausschließen kann ich es glaube ich nicht. Wer weiß, was in 10 Jahren passiert.
