Filsum - Es ist viel passiert, seit Tammes Tod. Carmen Hanken hat einen Großteil der Pferde verkauft, sich von weiteren Tieren getrennt, viele Fans, die traurig sind, dass Tamme so plötzlich verstarb, auf ihrem Hof empfangen, viel Kritik eingesteckt. Vor allem hat sie sich Gedanken machen müssen, wie es weitergeht mit Hof und Leben, trotz aller Trauer um ihren Mann, den berühmten Knochenbrecher: „Ich war von jetzt auf gleich auf meine eigenen Füße gestellt.“

Um die Firma „Hankenhof – Gesundheits-Kompetenz-Zentrum“ auf neue Beine zu stellen, musste die Struktur des Unternehmens geändert werden. Nun sitzt Carmen Hanken strahlend in der guten Stube im Hankenhof – und erzählt von ihren neuen Plänen. Mit am Tisch sitzt ihre Freundin und Assistentin Ilse Cloppenburg. Ihre Hunde Lily und Socke beschnüffeln die Gäste. Und irgendwie ist auch Tamme dabei. Sein riesiger Ehering hängt an einer Kette um Carmens Hals, überall stehen Bilder von ihr und Tamme, von Tamme und den Tieren, von Tammes Fernsehauftritten.

„Nach Tammes Tod war es hier zunächst sehr ruhig“, erzählt die Witwe des XXL-Ostfriesen. „Verständlicherweise.“ Anrufe von Pferde- und Hundebesitzern kamen zunächst nur spärlich an. „Aber ich bin ein Stehaufmännchen. Es musste weitergehen.“ Die Frage, ob sie den Hankenhof weiterführen würde, stellte sich ihr gar nicht: „Ich will Ostfriesland nicht verlassen. Ich fühle mich hier wohl.“ Und so fing die gebürtige Rheinländerin an, das weiterzuführen, was sie mit ihrem Mann aufgebaut hatte – keine so große Umstellung. Schließlich hatte sie schon in den 14 Jahren mit Tamme die Pferdebehandlung auf dem Hof oft übernommen, wenn ihr Mann in aller Welt unterwegs war.

Er ist immer dabei: Überall im Hankenhof stehen Bilder und Skulpturen von Tamme Hanken. (Foto: Martin Remmers)

Er ist immer dabei: Überall im Hankenhof stehen Bilder und Skulpturen von Tamme Hanken. (Foto: Martin Remmers)

Auch die Hundebehandlung hatte Carmen Hanken bereits zu Tammes Lebzeiten angeboten – „im kleinen Rahmen“. Diesen Bereich hat die 58-Jährige entwickelt und möchte ihn nun noch weiter ausbauen. „Bewegungsmechanik“ ist genau wie bei den Pferden auch, ihr Spezialgebiet. Blockaden, Lähmungen – mit diesen Problemen bringen Hundehalter die Tiere zu ihr. Viel Aufklärungsarbeit sei nötig. „Den Leuten ist vieles gar nicht bewusst“, weiß Carmen Hanken. Dass der Rücken eines Hundes darunter leiden kann, wenn er öfter vom Sofa oder Bett seines Herrchen springt. Dass es besser ist, einen Hund beim Gassigehen zunächst an der Leine zu lassen, damit er sich nicht sofort völlig verausgabt oder – vor allem im Winter – mit sehr warmen Pfoten auf kaltem Untergrund tobt. Seit 2005 belegte die Tierexpertin weitere Fortbildungen. Außerdem mussten ihre Hunde Lily und Socke für die Praxis herhalten, „bis die die Schnauze voll hatten, denn die beiden sind ja gesund“, so Carmen Hanken.

Carmens Tipps für die Hundstage

Hundebesitzer sollten in diesen heißen für genug Abkühlung sorgen. Ein Hund kann nicht schwitzen, erklärt Carmen Hanken. Er kühlt sich durch hecheln ab. Ideal ist eine Abkühlung von Bauch und Beinen, etwa in einem Planschbecken für Hunde mit entsprechendem Untergrund, damit er nicht rutscht, oder auf kühlem Boden. Vorsicht beim Gassi gehen – Asphalt ist momentan sehr heiß und kann Pfoten verbrennen. Auch sollte man darauf achten, dass die Pfoten unten weich bleiben und nicht trocknen und Risse bekommen.

Bei der weiteren wichtigen Aufklärungsarbeit geht es maßgeblich um die korrekte Fütterung, weiß die Tierheilerin. Wenn ein Hund zum Beispiel über Jahre hinweg nur Trockenfutter bekommt, könne das auf die Gesundheit schlagen. Der Verdauungstrakt beim Hund sei für schwer verdauliche Mahlzeiten ausgelegt. Manche Fälle gehen Carmen Hanken und Ilse Cloppenburg (60), der Sattlerin aus Barßel, sehr nahe. Letztens behandelten sie einen Hund, dessen Pfoten amputiert werden sollten. Ihnen fiel sein klebriges Fell auf. Es stellte sich heraus, dass das 12 Jahre alte Tier seine letzte Wurmkur als Welpe bekommen hatte – ein Ansatz für die Frauen, die in dem Hund einen „kleinen Kämpfer“ sahen. Sie empfahlen eine Wurmkur. Von einer Amputation rieten die beiden ab. Ilse Cloppenburg: „Tiere können erlöst werden. Wir haben empfohlen, im Sinne des Tieres zu entscheiden.“ Geschichten wie diese gehen den beiden „durch und durch“.

Anhand dieses Skelettes veranschaulicht Carmen Hanken sich Körperbau und Motorik des Hundes. (Foto: Martin Remmers)

Anhand dieses Skelettes veranschaulicht Carmen Hanken sich Körperbau und Motorik des Hundes. (Foto: Martin Remmers)

„Wie bei den Pferden arbeite ich auch bei den Hunden ganzheitlich“, sagt Carmen Hanken. „Ich betrachte immer Ursache und Auswirkungen.“ Lahmt ein Tier auf der rechten Seite, liege der Ursprung oftmals in der linken. Auch austherapierten Tieren kann die 58-Jährige oft wieder zurück ins Leben helfen – wie einer Französischen Bulldogge, die nach einem Sprung vom Sofa komplett gelähmt war, weil die Bandscheiben Druck bekommen hatten. Nach Behandlung und Nachbehandlung, sowie Hausarbeiten, die die Besitzer toll gemacht habe, habe der Hund nach vier Wochen angefangen, wieder zu laufen. Heute ist er in seiner Bewegung und Beweglichkeit komplett wieder hergestellt, sagt Carmen Hanken. „Aber es gibt immer Fälle, bei denen man an seine Grenzen stößt. Schon Tamme hat immer gesagt: ,Ich bin nicht der liebe Gott. Alles kann ich auch nicht.’“

Tierleiden haben oft banale Gründe, weiß die Filsumerin. Darum sind sie und Ilse Cloppenburg seit einigen Wochen auch in die Krallenpflege eingestiegen. „Wir schleifen den Hunden die Krallen“, erklärt die Tierheilerin und zeigt mit den Händen, wie Hundekrallen geformt sind und wie die Tiere ihre Pfoten beim Laufen aufsetzen. Das sei für die Tiere vielleicht erst ein wenig ungewohnt, aber es tue nicht weh. Den Hundehaltern gebe sie oft Hausaufgaben mit, etwa Übungen, um den Tieren das Gehen wieder beizubringen und verspannte Muskeln abzuarbeiten. Per Whatsapp stehe sie in Kontakt mit den Besitzern, tausche sich per Video mit ihnen über die Fortschritte aus. Diese Nachbehandlung, dieses Feintuning, das ist ihr Ding, betont die Hundeexpertin. Bei ihrem Mann konnte man das im Fernsehen in der Regel nicht sehen – und dafür habe er manchmal Kritik einstecken müssen.

Gute Freundinnen und Kolleginnen: Carmen Hanken (rechts) arbeitet bei der Hundebehandlung dicht mit der gelernten Sattlerin Ilse Cloppenburg zusammen. (Foto: Martin Remmers)

Gute Freundinnen und Kolleginnen: Carmen Hanken (rechts) arbeitet bei der Hundebehandlung dicht mit der gelernten Sattlerin Ilse Cloppenburg zusammen. (Foto: Martin Remmers)

Carmen Hanken wuchs mit Tieren auf, fing mit sechs Jahren mit dem Reiten an. „Oft erwischte ich die schwierigen Tiere“, erzählt die 58-Jährige – wodurch sie viel lernte. Seit 1985 gibt sie Reitunterricht, 1987 und 1990 machte sie ihre Trainerlizenzen bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Früh interessierte die Tierliebhaberin sich dafür, wie ein Pferd „funktioniert“. Daraus hat sich ihr „BARS – Balance Reit-System“ entwickelt. Sie erlernte verschiedene Therapien, auch bereits vor ihrer Zeit mit Tamme. In allen Erzählungen schwingt mit, wie viel von ihrem zusätzlichen Wissen sie auch ihm verdankt.

Dennoch: Sie arbeite anders als ihr Mann, der Knochenbrecher, stellt Carmen Hanken klar. „Als Mensch war er der Künstler. Ich bin der Malochertyp“, sagt sie. Doch was sie verband und verbindet, ist die Berufung: Tiere zu heilen. „In vielen Dingen waren wir auf einer Linie.“ Aber: Bis er ihre Tipps annahm, dauerte es.

Im Einsatz für die Tiere: Carmen Hanken und Ilse Cloppenburg bei der Behandlung eines Hundes. (Foto: Carmen Hanken)

Im Einsatz für die Tiere: Carmen Hanken und Ilse Cloppenburg bei der Behandlung eines Hundes. (Foto: Carmen Hanken)

„Da erinnere ich mich noch besonders gut an eine Situation“, erzählt die Pferdeheilerin. „Mein Mann longierte einen Junghengst, mit dem es Probleme gab.“ Sie fragte, wie er denn so an den Kopf des Tieres herankommen, ihn erreichen wolle – und übernahm die Behandlung. Mit Erfolg. Also versuchte Tamme es beim nächsten Mal auch anders. Überhaupt habe er später oft ihre Methoden in seine Behandlungen eingebaut. Zugegeben hätte er da aber nie. Hör mal, hast du die Tipps verändert?, habe sie dann gefragt.

Carmen Hanken lacht. Ja, am Anfang habe sie kämpfen müssen. „Tamme war so der Typ, der sagte: ich kann alles, andere nichts.“ Sie habe eine Zeit gebraucht, um sich ihm gegenüber durchzusetzen. „Die ersten drei Jahre waren schwierig.“ Aber sie schaffte es und nahm ihren Mann immer so, wie er war. „Tamme war nun mal jemand, der immer in der Mitte stehen wollte“, sagt sie. „Manchmal schauen Ilse und ich uns an und wissen beide, was Tamme jetzt für einen Spruch losgelassen hätte. Er ist nie ganz weg.“

Dass die Filsumerin zäh sein kann, beweist sie auch jetzt. Zum Glück habe sie mehrere Standbeine, um den Hof weiter bewirtschaften zu können: die Pferde- und Hundebehandlung, das Tierfuttergeschäft, den Fanshop. Wie schafft sie das alles? „Ich bin meine eigene Beraterin. Ich mache, was mein Kopf- und Bauchgefühl mir sagt.“ Auch hat sie mit ihrem Team und den Freiwilligen, die bei Hankenhof-Events mitanpacken, viele tolle Leute an ihrer Seite. „Reichtum ist nicht das, was ich auf dem Konto habe, sonder solche Menschen, die an meiner Seite sind.“

Zu Besuch bei Carmen Hanken in Filsum

Am 10. Oktober jährt sich Tammes Todestag zum zweiten Mal. „Ich habe noch viele Brücken zu überwinden“, sagt Carmen Hanken. Auf längere Sicht will die 58-Jährige versuchen, den Hof zu verkleinern. Weniger eigene Tiere und dafür mehr Platz für die Hunde- und Pferdereha – das ist ihr Ziel. Sieben Pferde hat sie zurzeit noch, einige will sie noch verkaufen. „Aber mir ist wichtig, dass ich passende Besitzer für sie finde.“ Tamme habe immer mehr Tiere gewollt – und wer konnte sich dann drum kümmern, wenn er auf Reisen war? Ja, genau, seine Frau. „Am liebsten wollte er 100 Schafe! Du hast doch wohl ’ne Macke, habe ich da mal gesagt.“ Und: „Ich werde immer älter und muss immer mehr arbeiten. Wie kann das sein, Tamme?“ Aber bereut habe sie es nie, hierher gekommen zu sein. Sowieso glaubt sie daran, dass „alles, was kommt, so vorgegeben ist“.

10. Oktober: Todestag von Tamme Hanken

Zum zweiten Todestag von Tamme Hanken bietet Carmen Hanken einen Infotag an „Welthundetag auf dem Hankenhof – in Memoriam Tamme Hanke“ Es gibt viele Infos rund um den Hund, Besichtigung der Pferde- und Hunde-REHA und vieles mehr.

Für die Zukunft wünscht Carmen Hanken sich, dass die Hundetherapie noch mehr Zulauf bekommt. „Ansonsten bin ich zufrieden.“ Der Hankenhof ist ihre Oase, ihre Insel, ihr Paradies. Das wird auch noch einmal deutlich, als wir die Tierliebhaberin in den Pferdestall begleiten, wo sie sich fröhlich plaudernd um die Alltagsproblemchen – heute ein umgestoßener Wassertrog – kümmert. „Ich lebe da, wo andere Urlaub machen. Und für Urlaub habe ich sowieso keine Zeit und kein Geld!“ Die 58-Jährige lacht. Später, als wir die Stele mit Tamme Hankens Kondolenzbuch besuchen, wird sie noch einmal nachdenklicher. Ja, es sei schon seltsam, dass so viele Menschen hier auf den Hof kommen, um an Tamme zu denken. Aber nur kurz hält sie inne, dann erzählt sie wieder voller Lebenslust von ihren Plänen, von Tammes derben ostfriesischem Humor. „Bei ihm waren ja alle Frauen Schätzeleins und die Hunde Lassies. Das fanden nicht alle lustig.“

Und wie sieht’s bei ihr aus, hat sie schon einen Namen für die männlichen Tierbesitzer? Nein, für die Herrchen habe sie keinen Kosenamen. „Aber die Hunde heißen bei mir alle Locke“, sagt sie augenzwinkernd.

Gedenken an Tamme Hanken: Diese liebevoll gestaltete Stele schenkten Fans des XXL-Ostfriesen Carmen Hanken. (Foto: Martin Remmers)

Gedenken an Tamme Hanken: Diese liebevoll gestaltete Stele schenkten Fans des XXL-Ostfriesen Carmen Hanken. (Foto: Martin Remmers)

Lesen Sie auch:

Interview mit Carmen Hanken: „Ich habe keine Millionen geerbt“

Jetzt startet auch Carmen Hanken im Fernsehen durch

Neues vom Hankenhof: „Tamme kann im Himmel alle einrenken“

Eine XXL-Liebe: Wie Carmen Hanken sich in Tamme verliebte

Carmen Hankens Buch: Das Leben nach Tamme Hanken im Mittelgalopp