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Rolf Meyrowitz (76) Aus Jeddeloh Ii Kampf gegen den MRSA-Keim gewonnen

Ingo Schmidt

Jeddeloh Ii - Es war ein langer Leidensweg für Rolf Meyrowitz, und der begann mit einem Zeh, der einfach nicht verheilen wollte. Zwei Jahre ist das nun her und Meyrowitz ist, man kann es so formulieren, durch die Hölle gegangen. Hilflosigkeit, Angst, Ablehnung – mit all diesen schlimmen Dingen hat der 76-Jährige Bekanntschaft machen müssen. Doch der Reihe nach:

Alles begann mit einem Knoten am Zeh, der operativ entfernt werden musste. Doch der Zeh verheilte nicht mehr, begann zu eitern, musste von einem Chirurgen aufgeschnitten werden. „Zwei Jahre lang hat man versucht herauszufinden, was ich habe“, erzählt der Rentner, „bis sich schließlich herausstellte, dass es sich um einen MRSA-Keim handelt“. MRSA – das ist ein hartnäckiger, multiresistenter Keim, der, wenn er in die Blutbahn gelangt, zum Tode führen kann.

Wundbehandlung im Krankenhaus

Zwei Jahre lang hatte Meyrowitz da bereits jenen Chirurgen einmal in der Woche aufgesucht, um sich die Wunde am Fuß verbinden zu lassen. „Wenn es zu schlimm wurde, habe ich das auch mal selbst zuhause gemacht“, schildert er sein Leiden. „Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, hing der Fuß aus dem Bett, weil er wegen der Entzündung ständig weh tat.“ Normale Schuhe konnte der Jeddeloher auch nicht mehr tragen. „Nur noch Sandalen, auch im Winter“, denkt er an diese Zeit zurück.

Als dann feststand, dass es sich um einen multiresistenten Keim handelte, verbat ihm der Chirurg wiederzukommen und überwies ihn an ein Krankenhaus zur Wundbehandlung. „Die haben sich das angesehen und gesagt, dass sie da auch nichts tun können“, klagt Rolf Meyrowitz. „Und auch mein Hausarzt bat mich, nicht wiederzukommen, weil er sonst die ganze Praxis desinfizieren muss.“ Natürlich kann er die Sorge der Mediziner nachvollziehen – ein MRSA-Keim ist schließlich das Schreckensgespenst einer jeden medizinischen Einrichtung, aber fortan stand Meyrowitz ganz allein da: „Nun hatte ich überhaupt niemanden mehr, der mir weiterhelfen konnte.“

Kein Erfolg bei Recherche im Internet

Zu diesem Zeitpunkt, im Februar 2019, wusste der 76-Jährige keinen Ausweg mehr – die Verletzung dominierte inzwischen sein ganzes Leben – und auch das seiner Frau. „Sie hatte ziemlich viel Angst“, erinnert sich Meyrowitz, denn der Keim ist über Wunden übertragbar. Jeden Tag ein Wundverband, jeden Tag frische Wäsche, alles musste bei über 60 Grad gewaschen werden, vor allem die Socken. „Das haben die wenigsten Strümpfe ausgehalten“, sagt er und lacht.

„Psychisch ging es mir gar nicht gut“, beschreibt Meyrowitz seinen Zustand damals, „und immer, wenn ich mal Husten hatte, dachte ich: Guck mal, jetzt ist es soweit“. Er lebte in ständiger Panik davor, der Keim könne in die Blutbahn gelangt sein. Hinzu kam, dass auch sein sozialer Halt zu bröckeln begann. „Es gab Freunde, denen war es egal, dass ich diesen Keim hatte, und andere, die auf Distanz gegangen sind.“ Von alledem habe er dann zu hohen Blutdruck bekommen, was noch mehr Medikamente bedeutete.

Rolf Meyrowitz begann, im Internet zu recherchieren, ob dem Keim nicht doch irgendwie beizukommen sei. Schon bald stellte sich Ernüchterung ein: „Ich bin nicht fündig geworden. Überall hieß es, dass man nichts machen kann.“ Erst die Schwiegertochter, die im weit entfernten Karlsruhe als Krankenschwester arbeitet, hatte eine gute Idee. „Sie hatte gehört, dass es im Norden ein spezialisiertes Wundzentrum geben soll, das Wundzentrum Nord e.V. in Friesoythe – und ob das denn wohl weit weg ist.“ Meyrowitz antwortete: „Das ist hier um die Ecke.“ Er rief sofort dort an.

Amputieren oder aufschneiden

Meyrowitz nahm Kontakt zu Dr. Ralf Weise auf, dem Chefarzt der Chirurgie des St. Marienstifts in Friesoythe, zu dem das Wundzentrum gehört. „Dem habe ich mein Problem geschildert und schnell einen Termin bekommen, damit ich ihm meinen Fuß zeigen konnte“, sagt er. Der Arzt schaute sich die Wunde an und schlug vor: amputieren oder erneut aufschneiden. „Der Hintergedanke war wohl, dass bei der ersten OP vielleicht nicht genug gemacht wurde und man den Keim doch noch entfernen könnte.“

Der Patient entschied sich für die zweite Option. „Bevor amputiert wird, muss man das doch erst mal ausprobieren, sagt er in der Retrospektive. Auch hierfür bekam er schnell einen Termin. „Das ist selten, weil ich ja in Einzelhaft liegen musste und keinen Besuch empfangen durfte.“ Sechs Tage blieb Meyrowitz nach seiner Operation in Friesoythe, bevor sich eine zweimonatige Nachsorge anschloss. „Ich habe dann eine MRSA-Sanierung mitgemacht und die Wunde begann zu verheilen“, denkt der Senior an die ersten Glücksgefühle zurück.

Ein erster Abstrich nach der MRSA-Sanierung ergab ein negatives Ergebnis. Sprich: der Keim war nicht mehr feststellbar. Doch um aus der Kartei getilgt zu werden, in der Fälle wie die von Meyrowitz festgehalten werden, musste der Jeddeloher drei negative Abstriche aus drei verschiedenen Labors vorweisen. Die ließ er in Oldenburg und Osnabrück machen. Das Ergebnis: alle negativ. Das war in der vorigen Woche. „Da bin ich wie ein HB-Männchen in die Luft gegangen vor Freude“, beschreibt er die erste Euphorie.

Was bleibt ist Dankbarkeit

Zuerst habe er er gar nicht glauben können, dass sein Leiden nun ein Ende haben würde, sagt der ehemalige technisch-kaufmännische Angestellte bei einem Energieversorger, „aber dann habe ich langsam angefangen, meine Medikamente zur Seite zu schmeißen“. Nur einen kleinen Vorrat habe er aus Sicherheitsgründen behalten. Und noch immer desinfiziere er seine Füße ein bisschen mehr als andere Leute. „So richtig angekommen ist das bei mir immer noch nicht, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich zu oft enttäuscht wurde“, mutmaßt Meyrowitz.

Aus Dankbarkeit hat sich Rolf Meyrowitz noch einmal auf den Weg nach Friesoythe gemacht, um dem „freundlichen Personal ordentlich was in die Kaffeekasse zu packen“. Auch seiner Schwiegertochter ließ er für den rettenden Tipp eine Aufmerksamkeit zukommen. Nun wird sich sein Leben wohl doch wieder zum Guten wenden und will mächtig umgekrempelt werden.

Zurück in ein schmerzfreies Leben

Auf dem Programm steht zunächst die Aktivierung seiner Muskeln. Wer zwei Jahre lang versucht, Schmerzen zu vermeiden, büßt einiges an Kraft ein. „Die Schmerzen sind weg, ich gehe mit dem Hund raus, möchte wieder schwimmen gehen“, sagt er. Doch mit dem Schwimmen, da ist er noch vorsichtig. Gerade in Bädern lauern viele Keime. Aber was er auf jeden Fall tun will: Endlich wieder neue Schuhe kaufen.

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