Oldenburg - Man hätte es gleich wissen können: Aron Baynes und die EWE Baskets Oldenburg passen nicht zusammen. Am 15. Juli 2010 verkündete der Basketball-Bundesligist, dass der australische Center künftig in blau-gelb auflaufen würde. Und am selben Tag verkündete Baynes via Twitter: „i don’t think i’ve ever felt so shit!!!“ Baynes blieb eine Saison und überzeugte nicht. Heute ist er NBA-Champion und seit sechs Jahren ein angesehener Rollenspieler in der besten Basketball-Liga der Welt. Wie konnte es dazu kommen?
Wir schreiben das Jahr 2010: Bei den EWE Baskets war gerade mal wieder ein Umbruch im Gange. Die letzten Verbliebenen der Meistermannschaft von 2009 verließen den Club – den Ewigen Rickey einmal ausgenommen: Jason Gardner, Je’kel Foster, Marko Scekic, Ruben Boumtje Boumtje, Jasmin Perkovic, Milan Majstorovic – alle weg. Um Rickey Paulding sollte ein neues Team aufgebaut werden. Zentraler Mann in der Mitte: der 2,08 Meter große Aron Baynes.
Der australische Center, damals gerade 23 Jahre alt, hatte gute Referenzen im Gepäck. Beim litauischen Meister BC Lietuvos Rytas spielte er in seiner ersten Profisaison nach dem College – vier Jahre lang verdiente Baynes sich seine basketballerischen Lorbeeren an der Washington State University – eine ordentliche Rolle, als Bankspieler, der in gut 13 Minuten pro Partie immerhin fast 10 Punkte erzielte. Das roch nach Effizienz. Und dazu hatte Baynes bereits Euroleague-Erfahrung. Von dem Mann durfte man einiges erwarten. Baskets-Geschäftsführer Hermann Schüller frohlockte bereits: „Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, eines der größten Center-Talente in Europa für zwei Jahre in unseren Diensten zu wissen.“
Enorm beweglich, athletisch und ein guter Arbeiter in der Verteidigung, gepaart mit großem Ehrgeiz – das machten die Oldenburger Verantwortlichen Schüller und Headcoach Predrag Krunic als Pluspunkte des Australiers aus.
Baynes war damals nicht nur ein Schwergewicht an Talent, sondern brachte auch ordentlich Gewicht auf die Waage: 118 Kilogramm bei 2,08 Meter Körpergröße. Trotz seiner Masse wirkte der Center allerdings wie der kleine nette Junge von nebenan: Seine Gesichtszüge waren weich, hinter den Ohren vermutete man grüne Farbe. Kein Vergleich zu dem Wikinger, der heutzutage unter dem Korb wühlt.
Aron Baynes in der Saison 2010/11 im Spiel gegen die Telekom Baskets Bonn. Bild: Norbert Ittermann
Die Saison begann ordentlich für das Center-Talent. Beim Testspielsieg gegen TN Oostende am Baskets Day konnte Baynes überzeugen, und auch in die Bundesliga-Saison startete er durchaus erfolgreich. Früh machten sich jedoch Foul-Probleme bemerkbar. Am Ende der Saison sollten es 3,8 Fouls pro Spiel sein – und das in lediglich knapp 16 Minuten Spielzeit. Wo Baynes hinhaute, da wuchs kein Gras mehr. Dafür blockte er immerhin auch knapp einen Wurf pro Spiel und zeigte sich als starker Offensivrebounder.
Doch schnell wurde klar, dass sich Oliver Stevic und Steven Smith auf den größeren Positionen besser in der neuen Liga zurechtfanden als der Australier. Sie spielten auch schlicht länger, weil sie nicht so viele Fouls kassierten. Was Baynes mit seiner Physis und Defense im Spiel zeigte, konnte sich durchaus auch sehen lassen – nur meistens saß er gezwungenermaßen auf der Bank.
Doch das Zeugnis, das ihm Fans und Club-Verantwortliche im Laufe der Saison ausstellten, las sich wie das eines Versetzungsgefährdeten: zu instabil, zu temperamentvoll. Denn das eine oder andere technische Foul nach Provokationen von Gegenspielern war auch dabei. Und obwohl Hermann Schüller noch im Februar 2011 mitteilte, man müsse Baynes Zeit geben, setzte man ihm im Sommer den US-Amerikaner Adam Chubb vor die Nase. Der hatte eine wesentlich erfolgreichere Zeit an der Hunte und blieb vier Jahre lang bei den Baskets. Aron Baynes‘ Zeit bei den Baskets war zu Ende. Urteil: Erwartungen nicht erfüllt.
Fast zwei Jahre lang sprach man in Oldenburg nicht mehr von dem bulligen Center. Doch im Jahr 2013 überraschte eine Nachricht aus den USA: Die San Antonio Spurs, die wohl erfolgreichste Mannschaft der letzten 20 Jahre in der NBA, sicherten sich die Dienste von Baynes, der sich zuvor in Slowenien und Griechenland verdingt hatte. Gleich in seiner ersten Saison spielte Aron Baynes in den Finals – und verlor.
In seiner bislang siebenjährigen NBA-Karriere wurde Baynes 2014 NBA Champion, absolvierte 467 NBA-Spiele als Rollenspieler von der Bank für die Spurs, die Detroit Pistons, die Boston Celtics und die Phoenix Suns. In 16 Minuten pro Spiel erzielte er durchschnittlich 5,9 Punkte, trifft knapp 50 Prozent seiner Würfe aus dem Feld und ist dazu ein sicherer Freiwurfschütze (80 Prozent). Seit der Saison 2018/19 versucht er auch hin und wieder einen Dreier, was dem Branchentrend entspricht, und trifft diesen mit ordentlichen – wenn auch nicht überragenden 34,4 Prozent. Bei der WM 2019 unterlag er mit Australien erst im Finale den Spaniern.
Anfang März spielte sich Baynes, der heute für die Phoenix Suns spielt, spektakulär ins Rampenlicht. Weil der etatmäßige erste Center der Suns, Deandre Ayton, verletzt ausfiel, durfte Baynes von Anfang an ran. Und er machte seine Sache mehr als gut: 37 Punkte standen am Ende für ihn in den Büchern – die meisten jemals von einem Australier in der NBA erzielten Zähler. Neunmal traf der Center aus dem Bereich hinter der Dreier-Linie – so oft wie nur drei andere Suns-Spieler in der Geschichte. Selbstredend waren die beiden Werte auch für Baynes selbst persönliche Rekorde.
Seine Foulsucht hat Baynes inzwischen besiegt. Bei den EWE Baskets Oldenburg ist die Centerposition mit Rasid Mahalbasic zwar exzellent besetzt. Einen Aron Baynes in der heutigen Verfassung würden die Oldenburger wohl dennoch nicht ablehnen. Nur bezahlen können sie ihn wahrscheinlich nicht mehr.
