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Rettung Eines 80-Jährigen In Oldenburg Die Helden vom Küstenkanal

Marc Geschonke

Oldenburg - Was Heldensagen ausmacht? Nun, es sind wohl diese besonderen Momente, in denen Einzelne Höchstleistungen vollbringen. Selbstlos, leidenschaftlich, gut. Vor allem aber werden sie aus einem bestimmtem Blickwinkel erzählt, recht einseitig zumeist. Menschen dürstet es nach derartigen Geschichten – was vor oder nach besagten Großtaten geschieht, fällt da zuweilen hintüber. Das ist manchmal sehr schade, und mag so auch auf die Geschehnisse am vergangenen Montagmittag zutreffen, als ein 80-jähriger Mann aus dem Küstenkanal gerettet wurde.

Einige Minuten nach der Alarmierung „Mann im Wasser“ trafen da laut unserer Berichterstattung die Kräfte der Feuerwehr mit großem Aufgebot und Maschinerie an der Cäcilienbrücke ein, übernahmen hier schließlich den Senior aus den Armen einer jungen Frau. „Ohne deren Engagement“, so sagte ein Einsatzleiter da auf Ð-Nachfrage, „hätte der Mann wohl nicht überlebt“.

Das ist so nicht ganz falsch, aber leider auch nicht ganz richtig. Denn so erzählenswert die Geschichte der noch bis Dienstagmittag unbekannten jungen Krankenschwester auch ist und so sehr ihr Zutun dem 80-Jährigen geholfen hat, so zwingend nötig müssen hier auch weitere Kapitel nachgetragen werden.

Nach Recherchen dieser Zeitung waren mindestens (!) vier weitere Menschen an der Lebensrettung des 80-Jährigen federführend beteiligt. „Und ich war schockiert, als ich den Bericht las“, sagt die 23-jährige Krankenschwester des Klinikums tags drauf im NWZ-Gespräch. Sie selbst möchte anonym bleiben, aber die Leistung ihrer Mitretter unbedingt herausgestellt wissen. Und das wollen wir auch.

Ins Wasser. Einfach so.

Maria Lindemann und Johan Schmidt sind Lehrer an der benachbarten Graf-Anton-Günther-Schule, sitzen um kurz vor ein Uhr auf einer Bank nahe des Kanals an der Cäcilienbrücke. Auf der gegenüberliegenden Seite steht plötzlich ein älterer Herr an der Spundwand, beugt sich vor und wieder zurück. Schaut sich immer wieder um. Die beiden Lehrer scherzen noch über die seltsame Situation, wissen das Geschehen nicht recht einzuordnen. Dann aber stürzt sich der Senior tatsächlich ins Wasser – in voller Kleidung, mit schwerem Mantel. Einfach so. „In diesem Moment habe ich nur gedacht: Oh Gott, da ist doch sonst niemand! Und wir haben ihn jetzt als einzige ins Wasser fallen sehen“, sagt die 35-jährige Lehrerin.

Die Frau rennt sofort los, hat aber kein Handy dabei. Den Notruf übernimmt Schmidt: „Eine Ausnahmesituation“, sagt er rückblickend.

Als Lindemann auf der anderen Kanalseite ankommt, sieht sie bereits einen anderen „älteren Mann“ im Wasser, der den 80-Jährigen unterhalb der Cäcilienbrücke noch irgendwie am Kragen packen und halten kann. Dieser – mit Verlaub – „ältere Mann“ ist Uwe Teske, immerhin 51, und seines Zeichens Brückenwärter ebenda. Seine Geschichte kennt weder die Polizei noch die Feuerwehr, einen Namen oder vielleicht auch sein Gesicht erinnern andere Zeugen des Geschehens nicht. Was aber alle Helfer behaupten: „Dieser Mann war entscheidend für die Rettung.“ Unisono.

Hilfe „von oben“

„Platsch hat’s gemacht“, sagt Teske am Dienstagnachmittag, als er die Ereignisse gegenüber der NWZ durchaus widerwillig Revue passieren lässt, „aber das ist hier bei uns ja normal, wenn die Welle gegen die Spundwand knallt.“ Was aber nicht normal ist, ist dieser Hilfeschrei einer Frau, wohl Maria Lindemanns. „Da ist einer rübergesprungen!“

Teske hört’s. Sucht sofort das Wasser ab. Dann sieht er den 80-Jährigen im Kanal treiben, wie er sagt. Auf einem Treppenabsatz am Rande der Spundwand packt er zu, erwischt ihn am Kragen. Und lässt ihn fortan nicht mehr los. „Eine Hand an der Leiter, eine am Kragen“, sagt er, „und mit den Füßen im Wasser“.

Immer wieder habe Teske den Senior „zu sich gezogen“, erinnert sich Lindemann, „aber die Kleidung des Mannes war ja schon vollgesogen, hatte bei seiner Rettung auch nicht mehr mitgeholfen.“ Lindemann zieht sich die Schuhe aus, steigt bis zur Hüfte mit ins Wasser, hält sich ebenso einhändig an der Spundwandleiter fest.

Rettungsring geworfen

Wütendes Wasser, Hilferufe. Ein paar Meter darüber radelt eine 23-Jährige gerade heimwärts, will sich auf den Nachtdienst im Klinikum vorbereiten. „Da habe ich die Hilfeschreie gehört“, sagt sie am Dienstag. Die junge Frau wählt ebenso den Notruf, rennt zum nahe der Gaststätte „Brückenwirtin“ installierten Rettungsring, wirft ihn zum Wasser. Irgendwie und -wohin. „Hauptsache erstmal in die Richtung“, sagt sie. „Aber der kam leider nicht sofort dort an, wo er gebraucht wurde“, sagt Teske. Unwissend, wer den Ring wohl geworfen haben mag. Die junge Frau indes hat bereits – wie sie sagt – „Jacke und Handtasche zur Seite getan und bin dann auch runter.“ Teske scheint da schon völlig außer Atem. „Ihr müsst mich halten, ich kann nicht mehr“, lässt er die beiden jungen Mitstreiterinnen schließlich wissen.

Das Hunte-Wasser ist kalt, zumindest gefühlte 10, vielleicht 15 Minuten steht er ja auch schon hier, mit allen Kräften beim müden Mann. Die junge Krankenschwester denkt nicht lange nach, übernimmt vom Brückenwärter, der entkräftet zur Seite rückt, sich erholen und so vielleicht ja neue Kräfte für die nächste mögliche Handlung sammeln kann. Die beiden jungen Frauen haben den Senior indes fest im Griff. Trotz des massiven tonnenschwer getränkten Mantels und der miserablen Rahmenbedingungen. Schmerzen? Kälte? Schwindende Kräfte? „Nein, das merkt man in der Situation nicht, da ist nur noch Adrenalin“, sagt die 23-Jährige. Und: „Im Krankenhaus ist man bei einem Notfall nie alleine, da hat man Ärzte um sich herum, da wird im Team gearbeitet. Privat steht man oft alleine da“, sagt die Krankenschwester. Diesmal aber ist es anders. „Die junge Frau hat das wirklich toll gemacht, hat ihn richtig festgehalten“, bestätigt Maria Lindemann. Die aber selbst mit der Situation zu kämpfen hat. In ihren Armen wird der alte Mann immer wieder bewusstlos, so scheint es zumindest.

Ein weiterer junger und vor allem sehr sportlich wirkender Mann fährt da mit einem Freund über die Brücke, sieht die Rettungsaktion, ruft hinunter und fragt, ob noch Hilfe benötigt werde. Dann eilt er los, steigt mit ins Wasser, löst dann Lindemann ab. „So tragisch die Situation war, so stark war doch, was da passierte“, sagt die Lehrerin, „in der Not haben alle zusammengehalten, völlig fremde Menschen, alle haben sofort reagiert – das war im Unglück eine schöne und sehr beruhigende Erfahrung.“

Aus dem Staub gemacht

Längst sind die professionellen Retter vor Ort. Ein Polizist hat mit zugepackt, auf dem Wasserweg ist die Feuerwehr unterwegs, schwenkt da aber auch schon die Drehleiter Richtung Kanaltiefe aus. Etwa 20 Einsatzkräfte sind vor Ort, zahlreiche „Beobachter“ ebenso.

Uwe Teske hat sich derweil „aus dem Staub gemacht“, wie er tags drauf zugeben wird. „Ich sitze ja da oben auf der Brücke und hätte da unten nur gestört. Ich wusste ja, dass dem Mann nun geholfen wird.“ Außerdem hätte er ja auch noch die nächsten Schiffer vor dem Einsatz warnen müssen. Ach ja, und die Socken und Schuhe über der Heizung des Brückenhäuschens trocknen ...

Pures Glück und Panik

Ganz ähnlich fühlt sich die 23-Jährige nach vollbrachter endgültiger Rettung durch die Profis, denen sie letztlich den 80-Jährigen übergibt und so wohl auch zur Heldin der Erstmeldung wird: „Als ich hoch kam, musste ich mich erst einmal umschauen – was da in der Zwischenzeit alles passiert ist, war kaum zu fassen. Überall Feuerwehr und Polizei, Einsatzfahrzeuge, ganz viele Leute in Uniform – man ist positiv überrascht, wie alle konzentriert, strukturiert und Hand in Hand gearbeitet haben.“

Gleiches gilt aber auch allemal für die „Amateur“-Retter in höchster Not. Ohne dieses Miteinander, ohne die gebündelte Zivilcourage eines jeden Einzelnen aus drei Generationen, hätte der 80-Jährige kaum überlebt. „Egal, wer hilft – Hauptsache, es hilft überhaupt jemand“, sagt Maria Lindemann.

Dann plötzlich: Händezittern, ein Endorphinstoß. Pures Glück und Panik zugleich. Heldentaten werden zumeist erst später offenbar. Damit muss man auch zurecht kommen. So ging es nicht zuletzt der 23-Jährigen: „Ich habe meine Socken ausgewrungen und bin dann heim gefahren, hab dort einen Kaffee getrunken, meine Schwester angerufen – und dann einfach nur geheult.“

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