Oldenburg - „Die Welt ist eine Bühne“, hat Oscar Wilde geschrieben. Egal, wie groß sie war, Rudi Assauer war dort immer eine große Nummer. Natürlich zählte Oldenburg zu den kleinsten Spielflächen. Aber für ihn war sie zwischen 1990 und 1993 eine seiner wichtigsten Drehbühnen.

Als der VfB-Vorstand mit Präsident Klaus Berster Deutschlands einstmals „schönsten Libero“ als Manager nach Oldenburg lotste, war Assauer geschäftlich nicht auf Rosen gebettet. Doch hier ist er wieder auf die Beine gekommen. Das hat ihn immer mit Verein und Stadt verbunden. Die sportlich und wirtschaftlich erfolgreiche Zeit in 122 Jahren Vereinsgeschichte steht historisch fest. Nachhaltig ist sie nicht geblieben.

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Doch damals hieß die Devise von Assauer und Trainer Wolfgang Sidka: Wir wollen den VfB dauerhaft im Profifußball etablieren! Fast wäre das mit einem Bauwerk gefestigt worden. Der Manager sah im Donnerschweer Stadion keine Zukunft. Er dachte schon an das in absehbarer Zeit frei werdende Fliegerhorst-Gelände. Dafür hatte er ein Vorbild im Auge: das Stadion im niederländischen Arnheim. Dort hin ist er mit einer Gruppe von ausgesuchten Oldenburgern gereist. Bekanntlich warten die heimischen Fans immer noch auf ein neues Stadion. Doch nach dem kleinen „Modell“ von Arnheim steht längst eins woanders: Auf Schalke, wohin es Assauer 1993 wieder gezogen hatte. „Leider ohne Ablöse“, wie Berster bedauerte.

Visionen hatte Assauer immer. Wenn Zeitungsleute zu früh Wind davon bekamen, reagierte er „verquast“, wie er gern sagte. „Da muss ein Maulwurf sein“, vermutete er. Drei Stunden am Stück haben wir uns mal in seinem Büro zu diesem Thema ausgetauscht, sehr offen und fair. Hinterher zählte ich ihm vier Neuigkeiten auf, die ihm unabsichtlich herausgerutscht waren. „So viel zum Thema Maulwurf“, sagte ich, „man muss immer nur gut die Ohren offen halten.“ Assauer lächelte: „Ihr arbeitet professionell – da muss ich noch ein bisschen mehr tun.“ Aber Assauer und die NWZ, das war fortan eine kritisch-vertrauensvolle Zusammenarbeit.

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Er hat auch mal in unserer Firmenmannschaft mittrainiert und dort professionell das Kommando übernommen: „Rechts rausspielen, zurückziehen! Links rausspielen, zurückziehen. Rechts rausspielen!“ Immer weiter. Jemand wand ein: „Sollten wir nicht auch mal aufs Tor schießen?“ Antwort: „Wartet ab, bis die anderen ihren Fehler machen.“ Sekunden später schoss er blitzschnell und traf. Er grinste zu uns Amateuren: „Geduld zeichnet den Profi aus. Man muss nur gut hinsehen!“

An seinem fußballerisch und wirtschaftlich europaweiten Netzwerk hat Assauer auch von Oldenburg aus enge Maschen gestrickt. Im Ernstfall packte er kräftig zu. Als die Versicherung sich weigerte, eine vereinbarte Summe für den auf dem Platz zusammengebrochenen und im Wachkoma liegenden Stürmer Jerzy Hawrylewicz zu zahlen, flog er sofort zum Gesellschaftssitz nach London. Tags darauf kehrte er mit der Kunde zurück: „Die Summe ist an die Familie überwiesen.“ Nach wenigen Telefonaten mit Uli Hoeneß war ein Benefizspiel von Bayern München am Marschweg arrangiert.

Am Ende geriet auch Assauer beim VfB in den Sog des Niedergangs. Nach dem um einen Punkt verpassten Bundesliga-Aufstieg 1992 holte er aus Berlin einen vermeintlich starken Torwart, obwohl Reiner Brauer bisher sensationell gehalten hatte. Trainer Sidka folgte den ungeschriebenen Gesetzen der Branche: Er stellte den teurerer Keeper ins Tor. Andreas Nofz aber erfüllte die Erwartungen nicht. Als Sidka dann wieder auf Brauer setzte, hatte den das Tauziehen völlig verunsichert. So führte der Weg in den Abstieg. Zwischen Trainer und Manager war das ohnehin angeknackste Vertrauen zerstört. Als Folge zerfiel der Kader in rettungslos zerstrittene Grüppchen.

Auf die Frage des „Kicker“ 1990, warum er denn ausgerechnet nach Oldenburg ginge, sagte Assauer: „So spielt das Leben.“ In Oldenburg hatte es ihm durchaus keine kleine Rolle zugedacht.