Westerstede - Dunkelblaues Jacket, weißes Hemd, dezent gemusterte Krawatte: Das Outfit wirkt schon recht offiziell. „Aber ich trage dazu Jeans“, sagt Henning Kratsch und lacht. „Allerdings“, so räumt der 38-Jährige unumwunden ein, „gewisse Positionen erfordern auch ein bestimmtes Outfit“. Und die hat er am 1. Februar übernommen: Henning Kratsch ist der neue Schulleiter am Gymnasium Westerstede. Und eigentlich ist es für ihn schon fast ein Heimspiel: Denn bereits von 2009 bis 2014 hat er an der Europaschule Englisch und Geschichte unterrichtet – rückblickend eine schöne Zeit. So schön, dass er sich damals in Loyermoor in der Wesermarsch, an der Grenze zum Ammerland, einen Resthof suchte und sich dort niederließ.
Vermutlich hätte er als Lehrkraft am Gymnasium Westerstede bleiben können, aber „ich wollte auch andere Schulen kennen“.
Neue Herausforderungen
Auf der Suche nach neuen Herausforderungen bewarb er sich schließlich auf eine Oberstufenkoordinatoren-Stelle in Großenkneten: „Damals wurde in Ahlhorn die Oberstufe neu aufgebaut – das mit Leben zu füllen, war eine tolle Aufgabe“, resümiert der Pädagoge. Inzwischen haben dort die ersten Jahrgänge ihr Abitur in der Tasche, für Kratsch der richtige Zeitpunkt, um sich neuen Herausforderungen zu widmen: „Da kam die Stellenausschreibung in Westerstede genau richtig.“ Er bewarb sich, durchlief das aufwendige Bewerbungsverfahren, setzte sich gegen seine Konkurrenten durch und erhielt im Januar die erlösende Nachricht.
Damit hat sich sein Lehreralltag auf Schlag ziemlich verändert, denn als Schulleiter unterricht er kaum noch: „Der Unterricht hat mir immer viel Freude gemacht, aber auch andere Bereiche wie Schule entwickeln und Personal zu führen, reizen mich.“ Überhaupt sei er ein sehr neugieriger, offener und kommunikativer Mensch – da böte sich der Lehrerberuf an. Aber er sei auch zielstrebig – da passt wiederum die Schulleiterposition mit 38 Jahren gut ins Bild.
Digitalisierung kommt
Das Gymnasium Westerstede und der Landkreis Ammerland dürften angesichts des jungen Alters ihres neuen Schulleiters aufatmen: Als 38-Jähriger könnte er die nächsten drei Jahrzehnte der Schule gestalten: „Man weiß nie, was kommt, aber das kann ich mir durchaus vorstellen“, sagt Kratsch.
Umkrempeln will er die Schule jedenfalls nicht. Sein Vorgänger Norbert Brumloop habe hervorragende Arbeit geleistet: „Das breite Angebot ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.“ Zu den großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte zählt für Kratsch die Digitalisierung. „Der Digitalpakt ist ein erster guter Schritt, aber Geräte allein bringen noch keine Lösung“, so der Schulleiter. Es sei auch Aufgabe der Schule, den Schülern Haltung und Werte zu vermitteln: „Digitale Ethik spielt da eine wichtige Rolle.“ Und noch ein anderer Bereich werde mehr Raum in der Schule einnehmen: „Das Thema Nachhaltigkeit“, so Kratsch. Der Umweltgedanke sei heute deutlich stärker in den Köpfen der Jugend verankert, als noch vor wenigen Jahren: „Wie sich das konkret auf die Schule auswirken wird, bleibt abzuwarten.“
Wenig Zeit
2001 hat Kratsch in Bad Bentheim sein Abitur bestanden, 2020 ist er Schulleiter: Dazwischen liegen 19 Jahre, in denen sich nicht nur die Kommunikation dank sozialer Medien wie Facebook, Whatsapp und Instagram komplett verändert hat, sondern auch die Rolle des einzelnen Schülers: „Der Schüler wird heute mehr als Individuum gesehen. Jeder kann sich verwirklichen. Und zugleich geht es darum, eine Haltung zu vermitteln, die das Zusammenleben in der Schule ermöglicht.“ Ein Chor bestehe eben nicht nur aus hervorragenden Einzelsängern.
Kratsch selbst bleibt hingegen wenig Zeit für Selbstverwirklichung: Als Jugendlicher hat er noch viel Zeit auf dem Tennisplatz und im Schwimmbad verbracht, „heute beschränke ich mich da auf meinen Garten.“
