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Wittmunder Ärzte kritisieren Ausbildung „Wir dürfen die Studierenden nicht einfach ausbrennen“

Zugucken und selbst anwenden, so sollen Medizinstudenten im Praktischen Jahr ihre Erfahrungen in den Kliniken sammeln. Aber nicht überall wird ihnen genug Praxis vermittelt.

Zugucken und selbst anwenden, so sollen Medizinstudenten im Praktischen Jahr ihre Erfahrungen in den Kliniken sammeln. Aber nicht überall wird ihnen genug Praxis vermittelt.

Inga Mennen

Im Nordwesten - „Wir können uns nicht beklagen, dass wir keinen Nachwuchs finden, wenn wir uns nicht die Zeit für die Ausbildung der Studenten nehmen“, sagt Dr. Wojciech Jelen, Chefarzt der Viszeralchirurgie im Krankenhaus Wittmund. Mit dieser Aussage unterstützt er die Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Sie hat eine Petition unter dem Motto „Ausbildung statt Ausbeute“ gestartet. Auch Oldenburger Studenten unterstützen die Forderungen, die sich an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Universitätskliniken und deren Lehrkrankenhäuser, den Medizinischen Fakultätentag sowie die Gesundheitsminister- und Kultusministerkonferenz richtet. „Mentoring, Betreuung und Lehrveranstaltungen, wie in den Entwürfen der Approbationsordnung vorgesehen, müssen zeitnah umgesetzt werden“, heißt es in der Petition.

Dr. Hagen Behnke, Chefarzt der Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin und Notfallmedizin am Krankenhaus Wittmund.

Dr. Hagen Behnke, Chefarzt der Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin und Notfallmedizin am Krankenhaus Wittmund.

Inga Mennen
Dr. Wojciech Jelen, Chefarzt der Viszeralchirurgie in Wittmund.

Dr. Wojciech Jelen, Chefarzt der Viszeralchirurgie in Wittmund.

Inga Mennen
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Inga Mennen
Im Nordwesten

Enormer Kosten- und Zeitdruck

Dr. Jelen weiß, wie die Ausbildung der angehenden Mediziner im Praxisalltag der Kliniken aussieht. In seiner Zeit als Oberarzt an der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich war er mit für die Betreuung der Studenten im Praktischen Jahr (PJ) zuständig. „Sicher ist es schwer, sich die Zeit zu nehmen, den Studierenden etwas beizubringen. Jeder Arzt und jede Klinik steht unter einem Kosten- und Zeitdruck“, sagt der 57-Jährige. Jelen: „Zudem sind Ärzte nicht ausgebildet, um auszubilden. Aber wir müssen uns immer wieder klar machen, dass wir mit Menschen arbeiten, wir können nicht an einem Simulator unsere Kenntnisse erwerben.“

Die Medizinstudenten  wollen nicht in zweiter Reihe stehen. Sie fordern bessere Ausbildungsbedingungen im Praktischen Jahr.

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Inga Mennen
Im Nordwesten

Das PJ hat als Ziel, nach zehn Semestern vorwiegend theoretischem Studium die zukünftigen Ärzte auf den praktischen Berufsalltag vorzubereiten – und der beginnt gleich nach dem dritten Staatsexamen. „Studierende brauchen eine Lehre, die sie auf ihre praktische Tätigkeit vorbereitet“, so Hans Martin Wollenberg, Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen.

Im Krankenhaus Wittmund nehmen sich die Chefärzte Dr. Hagen Behnke (r.) und Dr. Wojciech Jelen (l. mit Pfleger Yannic Flohr) Zeit, den Studentinnen Lea Rogosik (3. v. r.) und Charlotte Jackisch Abläufe genau zu erklären.

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Inga Mennen
Im Nordwesten

Auf die Praxis gut vorbereiten

„Lehre ist daher der essenzielle Aspekt eines fairen PJs“, heißt es in der Petition der Studierenden. Das Problem: Die Lehre werde den Kliniken weder bezahlt, noch bekommen sie dafür Zeitkapazitäten, erklärt Dr. Hagen Behnke, Chefarzt der Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin sowie Notfallmedizin am Krankenhaus Wittmund. Aber eine gute Ausbildung im PJ sei nicht nur wichtige Nachwuchs-Werbung für die Krankenhäuser, sondern Sicherstellung der ärztlichen Versorgung. „Es ist unsere Generationsverpflichtung, unser Wissen an den Nachwuchs weiterzugeben. Nur so können wir die Begeisterung der Studierenden für die praktische Tätigkeit als Mediziner fördern und damit dem Ärztemangel entgegentreten“, sagt Dr. Hagen Behnke.

Das Krankenhaus Wittmund bewirbt sich derzeit um die Akkreditierung als Akademisches Lehrkrankenhaus. Um die PJler gut auf die Zeit als junge Ärzte vorzubereiten und ihnen möglichst viel Praxiswissen zu vermitteln, würde Wittmund nur fünf Studenten ab November aufnehmen „So können wir eine Eins-zu-eins-Betreuung sicherstellen“, so der Ärztliche Direktor Behnke. In Oldenburg am Klinikum gibt es derzeit 15 Studenten im Praktischen Jahr.

Die Approbationsordnung soll sich ändern. Der Entwurf sieht mehr Praxis für die Medizinstudenten vor.

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Inga Mennen
Im Nordwesten

Krankentage separat zählen

Ein weiterer Kritikpunkt der Studenten betrifft die Arbeitsbedingungen. „Die angehenden Ärzte wollen nicht – wie wir früher – ihr halbes Leben verpassen, weil sie ständig im Dienst sind und sich bis zum Burnout verausgaben“, sagt Jelen. Und so setzt sich die Petition dafür ein, dass zusätzliche Nacht- und Wochenenddienste im PJ freiwillig sein sollten. „Wir dürfen die Studenten in der Ausbildung nicht ausbrennen lassen“, sagt Jelen zu den engen Zeitplänen im Praktischen Jahr und zur knappen Vorbereitungszeit auf das dritte abschließende Staatsexamen, das direkt im Anschluss für die Studierenden folgt. Auch er ist der Meinung wie die Bundesvertretung der Studenten, dass Krankheitstage separat von den 30 Abwesenheitstagen erfasst werden müssen. Das ist derzeit nicht so. Wer krank ist, sollte sich zuerst um die eigene Gesundheit kümmern und nicht um die der Patienten – das gelte auch für Studierende im PJ. Der Marburger Bund Niedersachsen fragt: „Wie sollen Ärzte einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit finden, wenn sie es schon vor dem Berufseinstieg anders lernen?“

Inga Mennen
Inga Mennen Thementeam Soziales
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