Im Nordwesten - Ich finde es jedes Mal faszinierend, wenn ich einem Digital Native dabei zusehe, wie er „mal eben“ eine Whatsapp-Nachricht schreibt. Die jungen Finger (kaum älter als 25 Jahre und von so gesunder Farbe, dass man sich fragt, wie eine Durchblutung ohne Adern überhaupt funktionieren kann) fliegen nur so über das Display. Wie kleine Spinnen weben sie die Worte zu Textnachrichten. Kurzer Daumen-Flipp – und schon ist die wieder App geschlossen.
Digital Natives können scheinbar alles mit dem Handy: selbst im Ausland die nächste Tankstelle finden, Fotos bis zur Unkenntlichkeit bearbeiten, den asiatischen Aufdruck auf der Sojasoße entschlüsseln. Es gibt nur eine Sache, die sie völlig aus der Fassung bringt: wenn ihr Smartphone klingelt.
Es geht hier nicht um ein Piepen – piepen ist ok. Das bedeutet nur, dass eine Nachricht gekommen ist. Nachrichten lassen einem die Zeit, die man braucht, um zu überlegen, ob man antworten will, wann man das tun will und wie. Aber ein Klingeln bedeutet: Da ruft jemand an. Es bedeutet: Da ist jemand am anderen Ende der Leitung, jetzt, in Echtzeit, und er will mit mir sprechen. Ich weiß nicht, was der andere will und warum er anruft. Ich weiß nicht, wer es ist, was er sagen wird, wie ich reagieren soll.
Aktion und Reaktion: Bei allen Nachrichtendiensten und sozialen Netzwerken dieser Welt verstreicht zwischen den beiden Polen eine beliebig große Zeitspanne. Am Telefon nicht.
Damit in ihren Köpfen und auf der Welt nicht das Chaos ausbricht, gehen viele junge Leute einfach gar nicht ran, wenn jemand anruft. Die meisten Telefone sind ohnehin auf lautlos gestellt.
Telefonieren ist out. Es fordert zu viel kognitive Kapazität, außerdem: Woher weiß ich überhaupt, dass der andere ausgesprochen hat? Wann ich dran bin? Was ist, wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll? Oder wenn die Verbindung schlecht ist? Viel zu viele Variablen, viel zu viel Druck. Da fehlt einfach die Übung.
Zum Glück für viele junge Leute kann man heutzutage in fast allen Fastfood-Restaurants auch per Nachricht bestellen. Jede Irritation ist damit ausgeschlossen, man bewegt sich auf sicherem Terrain. Kein gestammeltes „Hallo“, keine Angst davor, bei der Bestellung von einer Pizza Margherita, Pizzabrot und einer Extra-Portion Tzatziki schroff angebölkt zu werden, während im Hintergrund die Fritteuse zischt und die Kasse klingelt.
Für viele junge Leute gibt es nur eine Sache, die schlimmer ist, als zu telefonieren: Telefonieren, wenn jemand anderes dabei zuhört. Besonders oft passiert das beim plötzlichen Wechsel von der Schule oder Universität ins Berufsleben – in der der Kontakt mit Kunden, anderen Abteilungen, dem Großhandel oder anderen Akteuren des gesellschaftlichen Lebens in der Regel nicht ganz ausgeschlossen werden kann.
Was die jungen Leute aber denjenigen voraushaben, die sogar noch wissen, wie man ein Telefon mit Wählscheibe bedient, ist für die moderne Arbeitswelt fast noch wichtiger: Sie sind absolut entspannt bei jeder Art von virtuellem Meeting. Während auffallend viele, die schon im vergangenen Jahrtausend souverän mit dem Plastikhörer am Ohr telefonieren konnten, in der Zoom-Konferenz nur auf das kleine Fenster starren, in dem sie selbst zu sehen sind, und sich die ganze Zeit fragen, ob sie auch gut aussehen, bewegen sich die Digital Natives auf den Bildschirmen wie Fische im Wasser. Auch Videos von sich zu drehen, die im Internet von Hunderten Leuten angeschaut werden, ist für sie kein Problem. Wenn sie das Handy als Kamera nutzen, sind sie ganz entspannt. So lange es nicht klingelt.
