Manche Menschen haben Angst vor den Schmerzen bei der Zahnbehandlung, andere haben eine anerzogene Furcht vor dem Besuch in der Praxis an sich: Wie Patientinnen und Patienten ihrer Abneigung gegenüber dem Zahnarztbesuch am besten begegnen können, erklären drs. Johanna Kant und Berit Busching aus Oldenburg. Die Zahnärztinnen haben auch konkrete Tipps.

Frau Kant, warum haben Menschen Angst vor dem Zahnarzt?

Johanna KantDie Gründe sind vielfältig. Unangenehm ist es einigen Menschen sicher deswegen, weil die Behandlungen nicht nur direkt am Kopf, sondern auch in einer Intimzone stattfinden. Außerdem gibt es Studien, die nachgewiesen haben: Wenn Eltern selbst Angst vor der Zahnbehandlung haben, übertragen sie sie auch an ihre Kinder.

Indem sie ihnen bewusst oder unbewusst Angst machen?

Johanna KantZum einen übertragen sich emotionale Schwingungen von Eltern auf ihre Kinder. Zum anderen gibt es beschwichtigende Sätze, wie „keine Angst, es ist gar nicht schlimm“, die das Kind erst auf die Idee bringen, dass es einen Grund zum Angsthaben geben könnte. Und zuletzt gibt es einen Teufelskreis: Wenn Eltern Angst vor dem Zahnarzt haben, gehen sie auch mit ihrem Kind erst zu spät hin, nämlich erst dann, wenn es wirklich Schmerzen hat. Dann landet es beim Notdienst und dann muss etwas gemacht werden, was das Kind nicht kennt und nicht mag. Und die Eltern wiederum sehen sich bestätigt darin, dass Zahnbehandlungen etwas Unangenehmes sind.

Zu den Personen

drs. Johanna Kant hat eine Zahnarztpraxis an der Alexanderstraße in Oldenburg. Die 60-Jährige ist unter anderem spezialisiert auf Kinder- und Jugendzahnheilkunde und Prophylaxe für Kinder und Erwachsene.

Berit Busching betreibt eine Zahnarztpraxis in Etzhorn. Die 52-Jährige ist seit mehr als 20 Jahren Zahnärztin auch mit internationaler Erfahrung und hat unter anderem eine Zusatzqualifikation Implantologie.

Frau Busching, wie kann man von Anfang an verhindern, dass Kinder Angst vor dem Zahnarzt bekommen?

Berit BuschingMan kann vieles am Anfang vermeiden. Das gelingt, indem man den Zahnarztbesuch schon von Anfang an als ganz normalen Bestandteil ins Leben des Kindes integriert. Sobald das Kind den ersten Zahn hat, sollte der erste Zahnarztbesuch anstehen. Da geht es nur darum, hinzugehen, damit das Kind daran gewöhnt wird. Der erste Zahnarztbesuch sollte ein gutes Erlebnis sein, auch für die Eltern.

Und was kann Erwachsenen helfen, ihre Angst zu überwinden?

Berit BuschingAngst bedeutet ja nicht immer nur die Angst vor den Schmerzen, vor dem Bohren oder der Spritze. Es kann auch die Angst vor dem Blick des Zahnarztes sein, vor Schuldvorwürfen – „Warum sind Sie nicht eher gekommen? Warum pflegen Sie Ihre Zähne nicht besser?“: Das sind Sätze, die ein Zahnarzt nicht sagen sollte. Er befeuert damit nur die Scham des Patienten und die Abneigung oder Angst vor dem Zahnarztbesuch wird noch größer. Wichtig ist also zunächst mal, dass Menschen, die Angst vor dem Besuch in der Praxis haben, einen Arzt finden, dem sie vertrauen und bei dem sie sich sicher fühlen. Danach gilt: Je öfter man hingeht, desto mehr verliert das Ganze seinen Schrecken. Das kann man trainieren.

Silke Lange aus Oldenburg ist im Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen und im Vorstand der Zahnärztekammer. Bis vor einem Jahr hat die 63-Jährige selbst eine Praxis in Bad Zwischenahn geführt.

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Sandra Binkenstein
Oldenburg

Sollten sich die Patienten auch mit den Gründen für Ihre Angst beschäftigen?

Johanna KantWir Zahnärzte thematisieren die Gründe nicht. Wir nehmen die Angst an, ohne sie aufzubauschen oder kleinzureden. Aber gerade, wenn die Patienten sich vielleicht selbst gar nicht gerne mit ihrer Mundhygiene befassen oder sogar vor dem eigenen Mund und den Zähnen ekeln, könnten die Gründe tiefer liegen. Dann kann es dem Patienten zu mehr Lebensqualität verhelfen, den Ursachen mit therapeutischer Unterstützung auf den Grund zu gehen.

Haben Sie noch ein paar Tipps, die Angstpatienten sofort helfen?

Berit BuschingZunächst mal sollten sie nicht nur zum Zahnarzt gehen, wenn sie Schmerzen haben, sondern unbedingt die Prophylaxe wahrnehmen. Denn die Besuche beim Zahnarzt, bei denen nicht viel gemacht wird, vermindern den Stress. Außerdem ist es sehr wichtig, dass die Patienten ihre Sorgen kommunizieren. Dann können wir uns darauf einstellen und mit dem Patienten auch Vereinbarungen treffen, wie: Heute wird nur geguckt und nichts wird gemacht. So können wir Vertrauen aufbauen.

Johanna KantUnd manchmal hilft es auch, jemanden mitzunehmen. Gerade wenn man Angst hat, hört man nicht alles richtig. Es kann hilfreich sein, wenn eine Begleitperson dabei ist, die unterstützen kann und ein Extra-Paar Ohren mitbringt, wenn es um die Beratung geht.

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Inga Mennen
Im Nordwesten

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales