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NWZonline.de Ratgeber

Mit Kofferträger Jan zum Kurhaus

30.03.2019

Bad Zwischenahn Erster Akt, 1919: Käthe Becker, Kurgast aus Hamburg, trifft am Bahnhof von Bad Zwischenahn ein – und mokiert sich erstmal über die GOE, die Großherzoglich Oldenburgische Eisenbahn. „Die ist ja langsam, ich glaube eher, das heißt Gesellschaft ohne Eile“. Käthe, frisch geschieden, würde den Mitreisenden vermutlich ihre kompletten Familienverhältnisse offenlegen, käme nicht Jan, der Kofferträger, hinzu. Er friemelt einen Zettel aus der Tasche seiner Schürze und liest: „Herzlich willkommen in Bad Zwischenahn“.

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So beginnt sie, die „Zeitreise durch 100 Jahre Kurgeschichte“, aufgeführt von 13 Darstellern, allesamt Amateure. An einem tristen Märztag haben sie sich zu einer Probe versammelt. Die meisten von ihnen sind Gästeführerinnen und Gästeführer, überwiegend in Bad Zwischenahn, aber auch – wie Susanne Abou-Kassem (Käthe) oder Günter Podlich (Jan) – in Leer.

Die Regie führt Sabine Eilers, die auch bei anderen Theaterbühnen aktiv ist. Die historischen Fakten hat Jens Oeltjendiers-Odion zusammengetragen, der sich bereits mit „So schmeckt Bad Zwischenahn“, einer kulinarischen Gästeführung, einen Namen gemacht hat. Und das Manuskript stammt aus der Feder von Natalie Geerlings, Mitarbeiterin der Ländlichen Erwachsenenbildung in Niedersachsen (LEB), die das Projekt als Kooperationspartner der Bad Zwischenahn Touristik mit entwickelt und gefördert hat. Eine inszenierte Gästeführung ist keine normale Gästeführung, sagt Geerlings, auch keine Kostümführung. „Im Grunde ist es wie ein Theaterstück auf der Straße.“

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Die Gruppe bewegt sich in Richtung Kurhaus. Kofferträger Jan versorgt die Neuankömmlinge mit Elementarwissen zur lokalen Wirtschaftsgeschichte anno 1919. Da ist die Fabrik für Zigarrenwickelformen, die in alle Welt exportiert werden. Da ist die Koopmann’sche Fleischwarenfabrik. Und da ist, schon damals, die Aalräucherei Bruns.

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Im Dezember 1919 genehmigte das Oldenburgische Staatsministerium den ersehnten Zusatz „Bad“. Zu dieser Zeit hatte Zwischenahn bereits einen guten Ruf als Erholungsort, auch weit über die Region hinaus. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zog es die ersten Gäste ans Zwischenahner Meer, vornehmlich an die Nordseite. Mitte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der noch schmale Strom der Sommerfrischler von Dreibergen nach Zwischenahn.

Als einer der wichtigsten Tage in der Geschichte Zwischenahns gilt der 1. Juni 1869. An diesem Tag wurde die Eisenbahnlinie von Oldenburg nach Leer eröffnet. Zwischenahn erwachte aus seinem Dornröschenschlaf. 1874 nahm die „Kur- und Bade-Anstalt“ ihren Betrieb auf, ein schmucker Bau mit weißer Fassade und Stuckornamenten.

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Am Kurhaus. Eine Bedienstete (Juliane Smalla/Barbara König) empfängt die neuen Gäste. Stolz verweist sie auf 45 Zimmer, Billiardzimmer und

Lesesaal. Und auf moderne Dampf- und Moorbäder und den gezielten Einsatz von Blutegeln. Und während sich Kurgast Käthe noch schüttelt, schwört die Bedienstete auf die Salze von Dr. Schüßler, der 1821 in Zwischenahn geboren wurde.

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1919 war die erste wichtige Zäsur in der Kurgeschichte Bad Zwischenahns, 1964 die zweite. Denn in diesem Jahr erfolgte die staatliche Anerkennung als Moorheilbad. Ein solcher Titel ist in hiesigen Breiten selten. Zwar gibt es im Oldenburger Land mehrere Nordseebäder, aber eben nur ein Moorheilbad, noch dazu mit einem See. Und so kletterte die Zahl der Besucher, auch der prominenten.

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Zweiter Akt: „Haben Sie Vico Torriani gesehen?“ Peter Peters (Tede Wittmark), Reporter aus Bremen, ist auf der Jagd nach exklusiven Geschichten. Vico Torriani, Heinz Erhardt, Lale Andersen, Bill Ramsey – alle waren sie bereits zu Gast im aufstrebenden Kurort. Längst auch ist die Heilwirkung des Moores gutachterlich bestätigt. Täglich werden um die 350 Moorbäder in die Holzwannen eingelassen.

Nun wittert auch Gertrud Grube (Karin Bremermann/Sabine Jetzlaff), die in Hamburg ein Geschäft für Damen- und Bademoden betreibt, ihre große Chance. Gemeinsam mit dem Reporter lässt sie die Jahre von 1919 bis 1964 Revue passieren. Und weil aus der Wandelhalle, erbaut 1961, gerade Musik ertönt, wagen die beiden ein Tänzchen.

Kurz darauf geht’s ins Ammerländer Bauernhaus. Dort serviert ein „Bauer“, verkörpert von Herbert Wehmhoff, den in Bad Zwischenahn unvermeidlichen Löffeltrunk, selbstverständlich auf Platt und in Holzschuhen.

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Die inszenierte Gästeführung nähert sich ihrem Ziel, dem heutigen Reha-Zentrum. Hunderte von Patienten werden dort Tag für Tag stationär und ambulant betreut. Zu den Einrichtungen der Kurbetriebsgesellschaft Bad Zwischenahn gehören auch ein Gesundheitszentrum, ein Wellenbad mit Soleaußenbecken sowie mehrere Saunen. Und heute noch kommt im Kurzentrum Moor zur Anwendung.

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Wie aus der 1969 eingeweihten Rheuma-Spezialklinik nach und nach ein modernes Reha-Zentrum wurde, darüber plaudern im dritten Akt Kurarzt Dr. Klaus Jürgen (Jens Oeltjendiers-Odion) und Tagesgast „Tante Marlies“ (Sabine Eilers).

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Ende der Probe. Sabine Eilers gibt noch Tipps zu Tempo, Körpersprache Publikumsansprache und Lampenfieber: „Die Aufregung, die bleibt, das gehört dazu.“ Am 1. April ist Generalprobe, am 5. April Welturaufführung.

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