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NWZonline.de Ratgeber

Aus der Sporthalle ins Wohnzimmer

17.02.2018

Bakum /Hamburg Ein Altbau in Hamburg-Rothenbaum, dritter Stock. Markus Farwick wiegt Kaffee ab. Grammweise. „Kaffee ist zu einer Leidenschaft von mir geworden“, sagt der 33-Jährige. Nicht irgendein Kaffee, nein, dieser muss es sein: sortenrein, „so was wie ein Single Malt Whiskey. Der ist in New York und Tokio, in den Metropolen dieser Welt, gerade sehr angesagt.“ Es scheint, als habe Markus Farwick das Oldenburger Münsterland hinter sich gelassen.

Fund im Hinterhof

Einen großen Aktionsradius hat er auch bei seiner zweiten Leidenschaft: den Möbeln. Natürlich auch hier nicht irgendwelche. Sondern Möbel aus ausrangierten Turngeräten. Seine Altbauwohnung, zugleich „Showroom“ seiner Firma „Hardcrafted Hamburg“, steht voll davon. Lauter Musterstücke. Ein Turnpferd, auf Sitzhöhe gekürzt. Ein Turnbock, der zum Hocker wurde. Ein Esstisch, dessen Beine vom Turnpferd stammen. Ein Turnkasten, um die Beine hochzulegen.

Manchmal kommt jemand vorbei und schaut sich die Möbel an. Doch die meisten Kunden bestellen im Internet, in seinem Online-Store, sagt Farwick. Nur den Tisch mit den Beinen vom Turnpferd sucht man dort vergebens. Den findet man bislang nur auf Facebook und Instagram. Trotzdem hat der umtriebige Gründer ihn auch schon nach London und New York geliefert.

Die Anfänge liegen gut sieben Jahre zurück. „Die Idee kam, weil ich Zeit hatte, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen.“ Das war in Berlin. Seinen Bachelor hatte er gerade in der Tasche und den „Unternehmensgründer-Master“ noch vor sich. Es war Sommer, ein Wochenende, „ich hatte freie Zeit mit mir selbst“. Farwick erkundete den Kiez und die Hinterhöfe. Und da stand er: ein Turnbock, unbehandelt, ungekürzt. Einfach so, als Möbelstück in einem von diesen Pop-up-Stores, die vorübergehend in leerstehenden Geschäftsräumen öffnen und nach zwei oder drei Wochen schon wieder weg sind. So einen Turnbock will ich haben, dachte sich Farwick, nur für mich.

Der Zufall wollte, dass er jemanden kannte, der Turngeräte im Auftrag von Schulbehörden reparierte. Und der nicht nur einen Turnbock hatte, sondern gleich 20 Geräte, auch Pferde. Farwick konnte sie alle kriegen, damals noch kostenlos. Und er nahm sie und lagerte sie in der Garage seiner Eltern ein. Und weil sein Vater sich das nicht dauerhaft ansehen wollte, bot Farwick sie im Internet bei eBay an. Es dauerte nicht lange, und die Garage war leer.

Nun war es nur noch ein kleiner Schritt zum eigenen Online-Store. Ein befreundeter Programmierer aus Steinfeld setzte eine Website auf, man kennt sich, auch vom „Südoldenburger Stammtisch“, der einmal im Monat in der Hansestadt zusammenkommt. Farwick schaltete eine Anzeige und fand einen Sattler und einen Tischler – auch aus dem Oldenburger Münsterland. Sie möbeln die alten Turngeräte auf.

Es wäre für ihn wirtschaftlicher, die Möbel in Polen fertigen zu lassen, sagt Farwick. Das würde nur einen Bruchteil kosten. Aber so passt es viel besser zur Story, die – wer wüsste das besser als der marketingerfahrene BWLer – rund um die Produkte auch immer erzählt werden will: „Leute, das ist zwar etwas teurer, aber hier gemacht“.

Patina ist wichtig

Der Renner sind „Cubes“, Sitzwürfel aus Turnmattenstoff, vor allem der blaue für 249 Euro. Das teuerste Stück ist ein Tisch für 2990 Euro. Natürlich gibt es auch Privatpersonen, die sich so etwas gönnen. Es sind jedoch vor allem Firmen, die ihre Büroräume mit Produkten von Farwick ausstatten. Der Social-Media-Riese Facebook zum Beispiel: die Deutschland-Zentrale in Hamburg. Oder Adidas: ein neues Schulungszentrum. Die Abnehmer sitzen im gesamten deutschsprachigen Raum, aber auch in Dänemark, Großbritannien, Frankreich und Spanien.

Die Spuren vergangener Tage, auch sie gehören zur Story. Die Patina ist wichtig, sagt Farwick. Ein neues Turngerät würde er nicht loswerden. „Das will keiner haben.“

Leider können die Geräte selbst nicht sprechen. Sie würden Geschichten erzählen, von peinlichen Momenten und Angstschweiß, von persönlichen Bestleistungen und Glücksgefühlen. „Die, die früher keine gute Beziehung zum Schulsport hatten, sind heute die besten Kunden“, sagt Farwick. Er selbst mochte das Geräteturnen, war gut in Sport, aber schlecht in Mathe. „Das wurde mir in der Schule nie näher gebracht.“

Mathe hat er erst während seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre verstanden. Das dann aber immerhin so gut, dass er sich um seine Zukunft keine Sorgen machen muss.

Über die Jahre hat er sich ein Netzwerk aufgebaut zu Schulbehörden in ganz Deutschland. „Das Turnpferd stirbt zwar aus, die Schulen bestellen es nicht mehr.“ Aber Kasten und Medizinball sind weiter im Einsatz – eine kaum versiegende Quelle.

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