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Musikgeschichte Einer großen Propaganda-Schau auf der Spur


Das Deutsche Opernhaus in Berlin (Postkartenansicht) wurde bei einem Bombenangriff im November 1943 zerstört.



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Das Deutsche Opernhaus in Berlin (Postkartenansicht) wurde bei einem Bombenangriff im November 1943 zerstört.

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Berlin - Eine einfach gute ­Geschichte könnte gut eine einfache sein. Etwa so: Da komponiert eine Musikgröße ein Solokonzert. Das wird uraufgeführt und danach immer wieder gespielt. Doch beim Violinkonzert d-Moll von Robert Schumann hat sich alles einfach nur kompliziert ent­wickelt. Wolfgang Wendel in Karlsruhe holt weit aus: Das letzte Orchesterwerk Schumanns ist 1853 komponiert, es blieb 84 Jahre ungehört und wurde erst 1937 in ver­fälschender Bearbeitung in Berlin uraufgeführt.

Wendel (82) entwickelte ab 1960 über sein Berufsleben im Maschinenbau hinaus eine ­besondere Neugier für das ­historische Wirken berühmter Geiger. 1980 gründete er den Verlag „Podium“, einen „Ein-Mann-Verlag“. Er spürt seitdem historische Musikaufnahmen auf und hebt dabei Schätze.

Aufwendige Suche

2016 hatte er nach aufwendiger Einzelteil-Suche die Aufnahme der Uraufführung des Schumann-Konzerts mit dem Geiger Georg Kulenkampff zusammengeschraubt. Jetzt zum Jahresende 2021 konnte er ein I-Tüpfelchen daraufsetzen. Er erhielt eine verschollen geglaubte Filmaufnahme mit einem kurzen Ausschnitt der Veranstaltung vom 26. November 1937 im Deutschen Opernhaus in Berlin.

Und nun ist die Sache endlich rund. Der psychisch ­angeschlagene Robert Schumann hatte 1853 das Konzert für den Geiger Joseph Joachim komponiert. Der Virtuose schei­terte bei den Proben an technischen Tücken. Schumanns fatale Lebenskrise eskalierte 1854. Er sprang von der Düsseldorfer Rheinbrücke in den Fluss, überlebte und wurde später auf eigenen Wunsch in die Nervenheil­anstalt Bonn-Endenich ein­gewiesen. 1856 starb er dort. Die Witwe ­Clara und Joseph Joachim wandten sich gegen eine Aufführung. Aus dem Nachlass des Geigers gelangte das Manuskript in die Preu­ßische Staatsbibliothek, versehen mit einer Aufführungssperre von 100 Jahren.

„Jüdisches Machwerk“

Das Räderwerk der Nazi-Propaganda zermalmte die Sperrfrist. Weil das zauber­hafte und hochgeschätzte Violinkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn als „jüdisches“ Machwerk galt, musste ein „arischer“ Ersatz her. So rückte das Schumann-Opus in den Fokus. Ein regimefreundlicher Musikwissenschaftler ließ die Solostimme unter der Hand von Paul Hindemith „geigengerechter“ neu einrichten und „aufhellen.“ Zunächst war der schon berühmte Yehudi Menuhin als Solist auserkoren worden. Doch der Plan wurde schnell fallen gelassen. Ein Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, das passte nicht.

Zu der pompösen Jahres­tagung von Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ zele­brierten Kulenkampff und das Berliner Philharmonische Orchester unter Karl Böhm die Uraufführung. Das Ereignis wurde im Rundfunk weit über Europa hinaus bis nach Asien und Südamerika übertragen und großsprecherisch als „Welt­-Uraufführung“ angekündigt. Ab 1961 hatte sich Wendel auf die Fährte der Sendung auf Mittel- und Kurzwelle gemacht. Über Hinweise aus der Schweiz, England und den ­Niederlanden gelangte er an die Aufzeichnungen, die zur CD-Aufbereitung führten.

Mit der Hör-Dokumen­tation gab sich der Klein-Ver­leger nicht zufrieden. Er wusste von einer Filmsequenz in der „Fox Tönenden Wochenschau.“ Doch erst als nach vielen Jahren alle Recherchen ergebnislos zu bleiben schienen, faltete sich ein großes Los auf. Sein japanischer Musikfreund Jumpei Marou aus Osaka hatte den kurzen Ausschnitt aufgespürt. Er dauert zwar nur zweieinhalb Minuten, „ist aber ein unglaublicher Fund.“

Gut restauriert

Auf der Audio-CD wirkt die historische Aufnahme gut restauriert. Diese Qualität entlarvt schonungslos die Ver­fälschung der tiefschichtigen musikalischen Grundaussage. Bearbeiter Hindemith hatte die Violine oft eine Oktave höher gesetzt und mit virtuosen Arabesken umrankt.

Das Urteil, das Konzert zeige Schumanns geistigen Verfall, hielt sich zäh. Es biete ­„lediglich Material für den ­Psychiater“ (Musikkritiker Kurt Pahlen 1967). Angeführt vom Geiger Henryk Szeryng begannen ab 1970 akribische Korrekturen. Seit jüngsten „Reparaturen“ unter Mitwirkung der Solisten-Größen Thomas Zehetmair 2009 oder Christian Tetzlaff 2010 darf die Partitur wieder als „Original-Schumann“ gelten.

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