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NWZonline.de Ratgeber

Legende: Seit 300 Jahren haben Lügen adlige Beine

23.05.2020

Bodenwerder Münchhausen hat als „Lügenbaron“ zahlreiche Filmemacher, Schriftsteller, Comiczeichner und Wissenschaftler auf der ganzen Welt inspiriert. Weniger bekannt ist jedoch die real existierende Person hinter den fantastischen Geschichten: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde am 11. Mai vor 300 Jahren in der Kleinstadt Bodenwerder im Weserbergland geboren und wurde ein Weltstar wider Willen.

„Donald Trump, der Lügenbaron“ titelte eine deutsche Tageszeitung, nachdem die Washington Post dem US-Präsidenten zehn falsche Aussagen pro Tag nachgewiesen hatte. Schon Otto von Bismarck, der erste deutsche Kanzler (1815-1898) wusste, dass in der Welt der Politik nie so viel gelogen werde wie „vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“.

Die Tradition der Lügengeschichten führt sogar noch viel weiter zurück – und zwar weit ins klassische Altertum und in die Erzähltradition des Judentums. Auch der am 11. Mai 1720 in Bodenwerder an der Weser geborene Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen war ein Mann der Superlative, indem er es mit der Wahrheit alles andere als genau nahm. Verbrieft ist, dass der weitgehend vaterlos aufgewachsene Junge im Schloss Bevern zum Pagen ausgebildet wurde. Anton Ulrich, der am russischen Hofe in St. Petersburg lebte, bestellte bei seinem Bruder Prinz Karl einen Ersatz für seinen im Krieg gefallenen Pagen. Derartiges war adliger Brauch.

Für den 17-jährigen Hieronymus begann das Abenteuer seines Lebens. 1738 zog Anton Ulrich mit seinem neuen Kammerjungen in den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg, bei dem es um die russische Expansion zum Schwarzen Meer ging. Hieronymus nahm an der Reise zur Festung Otschakow an der Halbinsel Krim teil, bei der Belagerung will er seinen berühmten Ritt auf der Kanonenkugel vollführt haben. Vermutlich war er bei den Kriegshandlungen nicht anwesend.

Wie ein umherstreifender Till Eulenspiegel des 18. Jahrhunderts, der sich dumm stellt, tatsächlich aber gerissen ist, studierte Münchhausen akribisch die Gepflogenheiten des Hochadels: dessen Gehässigkeit, Hinterlist, Verschwendungssucht, Benimmregeln und Gespräche.

Er war Zeuge, wie sein Dienstherr mit Glanz und Gloria die Prinzessin Anna Leopoldowna von Mecklenburg heiratete, eine mittelbare Anwärterin auf den russischen Zarenthron. Eigentlich sprach für Hieronymus alles für ein äußerst bequemes Leben am russischen Hofe, aber eine Verschwörung beendete seine Karriere jäh. Elisabeth Petrowna, Tochter Peters des Großen, putschte sich in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1741 an die Macht, während Anna Leopoldowna, ihr Mann Anton Ulrich, ihre Kinder und Lieutnant Münchhausen nach Riga verbannt wurden.

Hieronymus freundete sich dort mit dem Landadligen Gustav von Dunten an, mit dem er regelmäßig auf Entenjagd ging, und heiratete 1744 dessen Tochter Jacobine. In den Schenken der Garnisonsstadt hat der junge Offizier – wahrscheinlich angeregt durch geistige Getränke und geistreiche Gespräche – sein Erzähltalent entwickelt. Vor 300 Jahren gab es noch keine Faktenchecker, weshalb seine fantasievollen Geschichten sich mit der Zeit verselbstständigten und sogar zu literarischen Ehren kamen.

1750 wurde Münchhausen – inzwischen im Rang eines Rittmeisters – wieder Zivilist und kehrte an seinen Geburtsort zurück. In Bodenwerder hatte er das elterliche Gut geerbt, wo er fortan mit seiner Frau das süße Leben eines Landedelmanns führte – und seine Gäste in einem Pavillon am Weserufer mit fabelhaften Geschichten aufs Köstlichste unterhielt.

Laut digitalem Wörterbuch der deutschen Umgangssprache bezeichnet der Begriff „Lügenbaron“ einen Menschen, der den Hang hat, Dinge zu behaupten, die derart schillernd sind, dass sie einfach nicht stimmen können. Benannt wurde das Wort nach dem Freiherr von Münchhausen.

Der niedersächsische Adlige wäre aber heute nicht als Lügenbaron aus Filmen, Büchern und Geschichten bekannt, wenn ihm nicht noch begnadetere Fabulierer noch hanebüchenere Storys in den Mund gelegt hätten.

Allen voran Gottfried August Bürger. Der hoch gebildete Göttinger Autor aus der Zeit der Aufklärung war ein ausgewiesener Sprachschöpfer. Zu seinen Neuschöpfungen gehören Wörter wie Haremswächter, querfeldein, sattelfest, Gemeingut, Friedensbund oder tief betrübt.

Bürger legte großen Wert darauf, dass seine Dichtung gemeinverständlich blieb. Denn er wollte neben den Belesenen auch die bildungsferne Gesellschaftsschicht, die schwerlich flüssig lesen und sich noch weniger ein Buch leisten konnte, erreichen. Deshalb war er ständig auf der Suche nach interessanten volkstümlichen Stoffen.

Dabei kam ihm zupass, dass der in Hannover geborene Schriftsteller und Gelehrte Rudolf Erich Raspe in England in Geldnot geraten war und deshalb Ende 1785 17 zweifelhafte „M-h-s-nsche Geschichten“ aus der Zeitschrift „Vade Mecum für lustige Leute“ ins Englische übertrug. Wie das Magazin an Münchhausens Anekdoten gekommen war, ist nicht überliefert. Raspes anonym veröffentlichtes Büchlein „Baron Munchausen’s Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia“ war jedenfalls auf Anhieb so erfolgreich, dass er selbst zum Schwindelmeier wurde und zahlreiche neue, irrwitzige Abenteuer dazuerfand. Dabei bediente er sich der Anekdoten des antiken griechischen Schriftstellers Lukian von Samosata oder der Ballonfahrer Blanchard und Montgolfier.

1786 erschien schließlich Gottfried August Bürgers deutsche Übersetzung der Raspe-Texte unter dem Titel „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen“. Allerdings erlaubte der Göttinger sich bei der Übersetzung große Freiheiten. Wie in England wurden die Münchhausiaden auch in Deutschland zu einem großen Volksmärchenbuch à la „Till Eulenspiegel“. Darunter die Geschichte, in der sich der Baron an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben will. Ähnlich frei gingen die Übersetzer der Werke Raspes und Bürgers ins Französische, Holländische und Schwedische vor.

Heute kennt man über 100 Geschichten, die von Münchhausen stammen sollen oder in denen er als Person eine Rolle spielt. Nur vier davon gehen wirklich auf den echten Baron zurück. Der hatte die Bücher natürlich zur Kenntnis genommen und war überhaupt nicht amüsiert: Er kochte vor Wut, weil er sich darin lächerlich gemacht sah.

„Lügenbaron“ wurde Münchhausen aber nicht genannt, weil man der Meinung war, er würde seine Zuhörer mit Räuberpistolen vorsätzlich täuschen wollen. Der verunglimpfende Begriff geht viel mehr auf die Anwälte seiner zweiten, leichtlebigen Frau Bernardine zurück, gegen die der greise Russland-Veteran einen gnadenlosen Scheidungskrieg führte.

Im Gegensatz zu seinen berühmten Geschichten starb der echte Baron am 22. Februar 1797 in Bodenwerder keinen Heldentod, sondern schied vergrämt, allein und pleite dahin. Aber sein Name lebt weiter und steht heute Pate für eine literarische Gattungsbezeichnung für prahlerische Lügengeschichten, für seltene psychische Störungen oder für eine Rettungstechnik im Bergsport.

Anna von Münchhausen:Der Lügenbaron. Mein fantastischer Vorfahr und ich; Kindler Hardcover, 128 Seiten, 15 Euro

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