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NWZonline.de Ratgeber

Cartoons: Alltag humorvoll zu Papier gebracht

01.06.2019

Bremen Wer Bettina Bexte in einem Café sitzen sieht, durch die Straßen schlendernd oder im Laden einen Einkaufswagen schiebend, könnte denken, die Frau tagträumt, wirkt teilnahmslos, irgendwie entrückt. Das Gegenteil stimmt. Die hochgewachsene, schlanke Mittfünfzigerin mit den braunen langen Locken arbeitet. Hochkonzentriert.

Alle Sinne sind auf Empfang gestellt, das Kopfkino läuft, und immer wieder zeichnet oder schreibt sie mit einem Bleistift in ihr Skizzenbuch. „Die Hauptidee zu finden, ist das Schwerste. Danach macht’s Spaß“, sagt Bettina Bexte, Bremer Cartoonistin, Illustratorin und Gewinnerin des Publikumspreises des Deutschen Karikaturenpreises.

Ideen kommen draußen

Die Trophäe, ein geflügelter Bleistift aus braunem Ton, erhielt Bettina Bexte Ende März bei der Leipziger Buchmesse für ihren Cartoon „Deutsche Leitkultur“. Vier lustig bunte Szenen, wie sie sich hierzulande täglich abspielen am Hotel-Pool, an der Supermarktkasse, im Straßenverkehr, an Altglascontainern. Die Ideen dazu kamen Bettina Bexte draußen. Wie immer, wenn sie ein Thema zeichnerisch umsetzen will.

Die Reinzeichnungen aus Tusche oder Aquarellfarben, die sie mit „bexte“ signiert, fertigt Bettina Bexte daheim am Leuchttisch an beziehungsweise am Computer. Über den Publikumspreis freue sich sie besonders, weil er von den Leuten komme, für die sie arbeite. Zudem zeigt der Erfolg des Cartoons ihr Gespür für die Leser. Zeitungen, denen die Künstlerin „Deutsche Leitkultur“ zuvor angeboten hatte, hätten den Abdruck durchweg abgelehnt.

Täglich ins „Viertel“

„Ich bin eine Beobachterin“, charakterisiert sich die gebürtige Buchholzerin aus der Nordheide, die in Hamburg aufgewachsen ist und Mitte der 80er Jahre zum Grafikdesign-Studium nach Bremen zog, wo sie bis heute lebt. Mit einer Katze in einer Altbauwohnung unweit des Weserstadions. Die beiden erwachsenen Kinder sind längst aus dem Haus. Als Bettina Bexte während ihrer täglichen Ausflüge durchs „Viertel“ über das Karikaturenpreis-Wettbewerbsthema „Vorsicht, Heimat!“ grübelte und ihre Umgebung scannte, stellte sie sich Fragen: „Was macht uns aus? Wer sind wir?“

Die visuellen Antworten sind unsympathische Besserwisser, die sich energisch abgrenzen und ihre Mitbürger brüllend maßregeln. Das reflektierte Fazit lautet: Ein gerüttelt Maß Lockerheit würde uns definitiv gut tun.

Die Künstlerin wünscht sich vor allem, „dass die Leute lachen“. Zugleich sollen die Cartoons die Betrachter anregen, nachzudenken über eigene Verhaltensweisen oder bestimmte Themen. Bettina Bexte arbeitet in ihren Ein- oder Mehrbildgeschichten mit Ironie und Spott, erhebt sich jedoch nie über ihre Klischeefiguren. „Ich gehöre ja dazu und bin häufig selbst eine von denen“, gesteht die Cartoonistin grinsend. In den gezeichneten Kurzgeschichten verhandelt Bettina Bexte von Alltagssorgen über bestimmte Typen bis zu den großen Fragen der Zeit alles und jeden. Was gar nicht geht: Schadenfreude und Moralkeulen. „Das ist nicht witzig.“

Bettina Bexte wollte nie etwas anderes machen als zeichnen und selbstständig sein, auch wenn sie nach dem Fachabi zunächst eine Tischlerlehre begann. „Aber das war überhaupt nicht meins.“ Die Tochter eines Journalisten und einer Buchhändlerin wechselte die Hansestadt und startete an der Bremer Hochschule für Künste (HfK) mit dem Berufswunsch Illustratorin von Kinderbüchern. Ihr Vorbild: der im Februar verstorbene Tomi Ungerer. Dann entdeckte die Studentin eine Trickfilmkamera und besuchte ein Cartoon-Seminar. „Das war wie ein Geschenk“, erinnert sich Bettina Bexte. Sie entwickelte eigene Plots, Figuren, Texte, ohne mit einem Autoren diskutieren zu müssen. „Das machte einen Riesenspaß“, sagt die Künstlerin, die am liebsten allein arbeitet.

Die HfK-Absolventin hatte nicht nur ihren Traumjob gefunden. Sie akquirierte nach dem Diplom auch rasch Auftraggeber und schaffte nahtlos den Übergang zur freien Künstlerin, die von ihrem Einkommen leben kann. Bettina Bexte veröffentlichte in Zeitschriften wie Brigitte, Familie&Co, Titanic. Sie brachte im Carlsen-Verlag 2007 zwei Cartoon-Bücher heraus und beliefert seit neun Jahren regelmäßig Tageszeitungen.

Alten Wunsch erfüllt

Bexte steckt nach eigenen Worten voller Ideen, die ständig rausmüssen. Dass sie jemals mit dem Zeichnen aufhört, kann sich die Wahlbremerin nicht mal vorstellen. Dabei überlegt die Zeichnerin stets, wie sie sich und ihre Kunst vorantreiben kann. 2017 erfüllte sie sich einen alten Wunsch und brachte im Eigenverlag das Buch „Fluch der Akribik“ heraus mit einer Pop-up-Seite und Daumenkino.

Von der Planung und Gestaltung bis zur Auswahl des Formats und des Papiers hatte die Künstlerin alles selbst im Griff. Ihr Traumbuch hat sie finanziert per Crowdfunding und mit dem Preisgeld für den geflügelten Bleistift in Bronze, den sie 2016 im Rahmen des damaligen Deutschen Karikaturenpreises gewonnen hatte.

Cartoons mit Musik

Mit dem Buchprojekt ging Bettina Bexte auch auf Lesereise und verließ erstmals die Rolle der stillen Beobachterin. Daraus kreierte sie mit dem Bremer Saxofonisten Peter Dahm das Format „Cartoonlesung mit Musik“. Die Shows sind eine Mischung aus bewegten Bildern, gesprochenen Sprechblasentexten und passenden Geräuschen sowie auflockernder Live-Musik. Seit einem guten Jahr ist das Duo damit unterwegs.

Die Zeichnerin liebt nicht nur den direkten Kontakt zum Publikum und dessen Reaktionen. Die Alleinarbeiterin schätzt darüber hinaus den Austausch mit dem Musiker, der auch Sprechrollen übernimmt. Umgekehrt spielt Bettina Bexte während der Auftritte Bassklarinette. „Das ist toll, weil wir das Konzept ständig weiterentwickeln“, freut sich die Cartoonistin.

Nebenbei überlegt Bexte, wofür sie die 1000 Euro ausgeben soll, die sie für den jüngsten Publikumspreis bekommen hat. Möglicherweise als Anschub für ein weiteres Cartoon-Buch, das wieder in Eigenregie entstehen würde. Ideen habe sie schon, wolle aber noch keine Details nennen. Ein Leporello fände Bettina Bexte jedenfalls reizvoll.

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