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Oldenburgerin übernimmt Fraktionsvorsitz der Linken
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Aktualisiert vor 8 Minuten.

Amira Mohamed Ali
Oldenburgerin übernimmt Fraktionsvorsitz der Linken

NWZonline.de Ratgeber

Um eine gute Ausrede nie verlegen

19.10.2019

Bremen /Hude Sieht so ein Lügner aus? Klar. Stefan Eiben, fester Händedruck und offener Blick, denkt sich Geschichten, Legenden und Ausreden aus, dass sich die Balken biegen. Jedenfalls für andere. Vor 20 Jahren gründete der 45-Jährige, der in Hude (Landkreis Oldenburg) aufgewachsen ist, die erste Alibi-Agentur im deutschsprachigen Raum. Die Firma mit Sitz in Bremen ging ab wie eine Rakete. Als Nächstes plant der Unternehmer eine Alibi-Agentur in seiner Wahlheimat Spanien.

„Ich hatte überhaupt kein Konzept“, erinnert sich Stefan Eiben. In einem blauen Sessel sitzt ein Mann mit akkurat gestutztem Vollbart, dunkelblondem Fassonschnitt, strahlend weißen Zähnen und frischer Costa-Blanca-Bräune im Gesicht. Er ist auf einen Sprung nach Bremen gekommen und empfängt im Besprechungsraum der Alibi-Agentur, die in einem unscheinbaren Zweckbau residiert zwischen Billig-Boutiquen, Baumarkt und einem Verlags-Outlet.

Supervorsichtige Kunden

Auf dem Klingelschild steht „Ibila Büroservice“. Ibila? Genau: Alibi rückwärts geschrieben. Lustige Idee. Der Chef erklärt: „Unsere Kunden sind häufig supervorsichtig. Die wollen auf keinen Fall, dass ihr Geheimnis auffliegt.“

Im November 1999 hat Stefan Eiben nicht über konspirative Klingelschilder sinniert, sondern sich über zwei Freunde geärgert. Man war Samstagabend zum Feiern verabredet, bis der erste anrief: „Du, ich kann nicht, meine Freundin macht Zicken.“ Kumpel zwei sagte auf eine ähnliche Weise ab. „Das darf ja wohl nicht wahr sein. Erwachsene Männer sollten doch machen können, was sie wollen“, schoss es Stefan Eiben durch den Kopf.

Er setzte sich noch in seinen Ausgehklamotten an den Computer und programmierte eine Webseite für Ausreden. Tenor: Wer mit dem Rücken an der Wand steht, kann eine Hotline anrufen. Stefan Eiben denkt sich dann eine Lösung für das Problem aus. Nach sechs Stunden war die „Pille-Palle-Seite“ online und die Idee der Alibi-Agentur geboren, die der Informatiker bei Suchmaschinen nach oben pushte und wieder vergaß.

Der Norddeutsche hatte andere Dinge zu tun. Der Computer-Nerd, der schon als Kind Programmieren lernte, führte seit Mitte der 90er eine eigene Internetagentur in Oldenburg. Eiben und seine vier Angestellten arbeiteten für große Kunden. „Es lief super“, sagt der Gründer, der seinen Traumjob gefunden hatte und dafür gut bezahlt wurde. Nach wenigen Wochen kehrte jedoch die Alibi-Agentur zurück, gleich einem viralen Bumerang. Es meldeten sich nationale und internationale Journalisten und die erste Kundin.

„Eine ältere Frau wollte mit ihren Freundinnen einen Wellness-Urlaub machen. Das wollten die Freundinnen nicht, weil der Mann der Frau ihr krankhaft nachspürte. Der kriegte sonst Panikattacken. Also täuschten wir für die Frau in dem Wellness-Hotel einen sehr vollen Stundenplan vor, den wir dem Mann schickten. Er wusste dann, wann seine Frau Zeit für Anrufe hat, und die Damen hatten Ruhe“, erzählt Stefan Eiben.

Jeder Anrufer fasziniert den selbst ernannten Alibi-Erfinder mit sehr persönlichen Geschichten, die von rührend bis dramatisch reichen. Ein Mann brauchte zwei Abende zur Vorbereitung eines Heiratsantrags, aber seine Verlobte durfte nichts davon wissen. Stefan Eiben, seine damalige Freundin und seine angestellten Programmierer fingierten eine Fortbildung.

Ein Krebspatient wollte seinen Geschäftspartnern seine Krankheit verschweigen. Bei Schmerzschüben riefen die Alibi-Profis also an und beorderten den Mann sofort zu Einsätzen bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Ein Manager mit Burnout musste ein Vierteljahr in eine Klinik, doch die Belegschaft sollte davon nichts mitbekommen. Eiben und Co. schicken den Unternehmer auf eine erfundene dreimonatige Geschäftsreise nach Brasilien und melden sich von dort regelmäßig in der Firma, wo niemand argwöhnte, dass die Anrufe Lug und Trug waren.

Bei den Alibi-Agenten fragen auch Schwule und Lesben an, die sich nicht outen möchten und in der Öffentlichkeit heterosexuelle Partner benötigen.

Und schließlich der Klassiker: Gestresste Männer und Frauen wollen an Wochenenden einfach ihre Ruhe haben, trauen sich aber irgendwann nicht mehr, das zu sagen. Auch dafür gibt es Lösungen.

Überdies denken sich die Alibi-Erfinder Dokumente aus, frisieren Auftritte in sozialen Medien, erfinden Firmen, Freunde, Lebensgefährten. Sie rufen an, kommen vorbei, schicken Post, um ihren Kunden Freiräume zu verschaffen, die niemand anzweifelt. Lügen wegen Seitensprüngen bilden in diesem Spektrum die Ausnahmen.

Stefan Eiben war nicht nur überrascht und bewegt von der Resonanz auf sein Lügen-auf-Bestellung-Angebot. „Die Leute haben teilweise geweint und mir ihr Leben erzählt.“ Der Unternehmer telefonierte von sechs Uhr morgens bis Mitternacht mit wildfremden Menschen und fand kaum noch Zeit, seine Internet-Firma zu führen. „Das wollte ich gar nicht.“ Einerseits.

Andererseits kann Stefan Eiben auch nicht Nein sagen und beendete jede Alibi-Anfrage mit: „Wir machen das.“ Auch wenn er sich danach regelmäßig fragte: „Boah, wie kriegste das denn hin?“ Aber es hat immer geklappt.

Natürlich lehnen die Alibi-Macher auch Wünsche ab. Weil sie illegal sind oder nicht vertretbar. „Einmal wollte einer, dass wir mit seiner schwangeren Freundin am Telefon schlussmachen.“ Stefan Eiben schüttelt energisch den Kopf. „Das ist eine Sauerei.“

Buch in der Schublade

Bis heute sei keine Geschichte aufgeflogen, behauptet er. Nach drei Jahren stand fest: Stefan Eiben konzentriert sich hauptberuflich auf Alibis für andere. Hauptgründe waren das Gefühl, etwas Gutes zu tun und die Dankbarkeit der Kunden. Mit zwei Jahrzehnten Erfahrung und nach ungezählten Gesprächen kennen er und seine inzwischen sechs Kollegen meist schon eine Lösung, bevor der Kunde seine Geschichte zu Ende erzählt hat. Der Manager kann mittlerweile auf über 1000 freie Mitarbeiter zurückgreifen, zum großen Teil Schauspielschüler, und ein Netzwerk mit über 100 Firmen.

Je nach Aufwand kosten die Alibis zwischen 40 und mehrere Tausend Euro. So unterschiedlich wie die Anliegen sind auch die Auftraggeber. Es melden sich Studenten, Hausfrauen und Rentner sowie Spitzensportler, Schauspieler und andere Prominente.

Die Erlebnisse, Geschichten und Schicksale der vergangenen Jahre hat Stefan Eiben längst aufgeschrieben. Das 200-Seiten-Buch liege fertig in der Schublade. Über eine Veröffentlichung denke er noch nach. Zuvor will er die spanische Alibi-Agentur auf den Weg bringen und mindestens so erfolgreich machen wie die Bremer. 2020 geht es los.

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