Im Nordwesten - Wenn der echte Urlaub erst dann anfängt, wenn man keinen Zugang mehr zu gewöhnlichen Sanitäranlagen hat, wenn man sich freut, seine Badesachen an einer Wäscheleine direkt über dem eigenen Kopfkissen zu trocknen und wochenlang gern auf den Komfort einer Trennung von Wohn- und Schlafzimmer verzichtet, dann ist man wohl ein echter Camper.
Ich bewundere diese Menschen, die in ihrem Urlaub mit der Natur so sehr verschmelzen, dass sie gar nicht merken, wie sie abends, wenn sie noch einmal quer über den Campingplatz im Dunkeln zur öffentlichen Toilette gewandert sind, den ganzen Rasenschnitt, den sie zwischen den Zehen haben, mit in den Schlafsack nehmen. Ich bewundere diese Leute, die in der Lage sind, mit einem einzigen Blechtopf und einem Gaskocher ein besseres Essen zu kochen als ich an einem Vier-Platten-Induktionsherd – und das so souverän, als würden sie das Risiko, mit der Flamme erst das Zelt und anschließend den ganzen Wald in Flammen zu setzen, gar nicht in Betracht ziehen. Ich bewundere Camper, die nicht eines plötzlichen Herztodes erliegen, wenn sie nach dem Aufwachen feststellen, dass eine riesige Spinne am Zelteingang in ihrem Netz sitzt und eine Seele als Wegezoll verlangt.
Camper, die eins mit der Natur sein wollen und das kompromisslos umsetzen: Ihr habt meine volle Anerkennung. Vor allem die, die eine Woche lang dasselbe Handtuch für jede Gelegenheit nutzen, wenn etwas abgetrocknet werden muss – vom nassgeregneten Tisch über das im See gewaschene Geschirr bis zu den eigenen Füßen, mit denen man durch das mit Morgentau benetzte Gras zu den Klos gelaufen ist. Ihr seid die wahren Abenteurer.
Es gibt aber noch eine andere Art von Campern, und das sind die, die zwar in der Natur sein wollen, aber nicht unbedingt Teil davon. Solche, die mit einem Wohnmobil so teuer wie ein Einfamilienhaus durch Deutschland fahren und sich dabei jederzeit wie zu Hause fühlen. Die nicht nur eine Toilette im Camper haben, sondern auch Waschbecken und Dusche. Mit Satellitenschüssel auf dem Dach und richtigen Betten, solche, die im Grunde auf absolut nichts verzichten müssen, wenn sie Campen gehen. Ich gebe zu: Eine tolle Vorstellung. Man fühlt sich wie zu Hause und entdeckt doch immer neue Orte, steht morgens mit seinem perfekt temperierten Cappuccino aus dem Kaffeevollautomaten mal an der Mosel und mal im Elbsandsteingebirge, genießt die atemberaubende Natur und gleichzeitig den Komfort des Eigenheims auf Rädern.
Ob die eine Art zu campen oder die andere – beide, so vermute ich, fühlen sich nach Freiheit an. Und auch, wenn ich für die eine Art zu bequem und für die andere nicht reich genug bin, so fasziniert mich doch diese eine Sache, die beide Camper-Typen eint und die wir alle eigentlich viel öfter tun sollten: Wer campt, drückt den Pause-Knopf und lässt den Alltag voller Verbindlichkeiten und Verpflichtungen für eine Zeit komplett hinter sich.
